
- 12. MAERZ 2012 13:03
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Lizenz zum Feinschmecker
Wie hat es James Bond 50 Jahre geschafft in Form zu bleiben? In den MI6 Akten fanden wir die Antwort: guter Champagner, Kaviar und jede Menge Foie Gras.
Text von Alexander Rabl
Grüne Feigen, weißes Joghurt, schwarzer Kaffee,“ bestellt der Geheimagent von Welt im Hotel in Istanbul sein Frühstück aufs Zimmer. Später trifft er im Speisenwagen des Orientexpress auf die Gegenseite und entlarvt den Doppelagenten, der sich als stilmäßiger Nebochant erweist. „Ein Engländer würde nie Rotwein zum Fisch trinken.“ So einfach ist das. Wir verstehen die Botschaft: Die Russen mögen die größeren Muskeln haben, aber was zivilisatorische Techniken betrifft, leben sie noch in der Steinzeit. Da helfen dann auch die zärtlichsten „Liebesgrüße aus Moskau“ (1963) nix.
Sein Name ist übrigens Bond, den Rest kennen wir. Der Geheimagent wird heuer 50. 1962 drehten sie den ersten 007-Film. Seit damals haben sich die Hauptdarsteller, nicht aber das Konzept geändert. A la Carte, das Hausmagazin des britischen MI6, hat herausgefunden, was den Spion ihrer Majestät eigentlich umtreibt. Es sind nicht bloß die langbeinigen Mädchen mit den kurzen Röcken, es sind nicht schnelle Autos. Eigentlich isst und trinkt Bond am liebsten und zwar ausschließlich vom Teuersten und vom Besten.
In den sechziger Jahren war die Welt noch in Ordnung. Dort das Böse, hier das Gute. Ein Martini war ein Martini und Kaviar war Kaviar. Über die Frage, ob ein Steak mit Sauce Bearnaise (wie im Buch „Diamantenfieber“) aus nachhaltiger Produktion stamme, wurde damals noch nicht diskutiert. Genauso war es unmöglich, dass ein James Bond Bier aus der Flasche trinkt (wie im letzten Film „Ein Quantum Trost“). Dafür lernte der Kinogeher über die Leinwand nicht nur diverse karibische Inseln kennen, sondern auch wesentliche Dinge fürs Leben. Dass man zum Beispiel einen Dom Pérignon nicht zu warm oder abgestanden trinken darf, denn das wäre „wie wenn man den Beatles ohne Ohrenschützer zuhören würde“, so Sean Connery 1963 in einer längst zum Klassiker avancierten Szene in „Goldfinger“.
Im selben Film lernen wir auch über die Jahrgänge spanischer Brandys und merken an den missbilligend gehobenen Augenbrauen von Bonds Chef „M“, dass so ein junger Agentenschnösel in der Welt der Connaisseure eigentlich Lokalverbot haben sollte. Aber was soll man machen mit den jungen Aufsteigern? Sie verdienen zu viel und haben vor nichts mehr Respekt. Doch im Buch „Moonraker“ erweist der Chef James Bond sogar die Ehre, ihn in seinen Club mitzunehmen und wir nehmen an einem hochzivilisierten englischen Essritual teil. „Ich habe eine Schwäche für wirklich guten Räucherlachs“, sagt James Bond zum Oberkellner und verhalf mit diesem Satz vielleicht der britischen Smoked-Salmon-Industrie auf ihre entscheidenden Sprünge. Auch über Ms Vorliebe für blankpolierte Markknochen samt Inhalt zum Dessert lernen wir hier. Vielleicht haben Robuchon oder Frantzén/Lindeberg, denen wir das Revival des Markknochens in der Hochgastronomie verdanken, diese Passage ja auch gelesen.
Natürlich weiß James Bond als regelmäßiger Playboy-Konsument auch über die lustfördernde Wirkung von Meeresfrüchten Bescheid. Das gehörte früher zu einem Mann von Welt einfach dazu, zu wissen, dass Austern als Aphrodisiakum besser geeignet sind als ein Wurstsandwich. Seine Aufforderung an Claudine Auger in „Feuerball“, doch von den köstlichen Muscheln zu probieren, wird von dieser auch mit einem Blick quittiert, der sagt: Man merkt die Absicht und ist verstimmt. Einen Film später lässt sich 007 in einem japanischen Fischerdorf Austern servieren, die er selbstverständlich mit Stäbchen verspeisen will, bis das ihm zugeteilte Bondmädchen mitteilt, dass sie als Dessert getrennte Schlafstätten vorgesehen hat. Bond schmollt: „Dann will ich auch keine Austern.“ Von in Buttermilch gegarten Gillardeau-Riesen-Austern mit grünem Apfelsorbet war 1966 übrigens noch keine Rede. Man hätte das Ganze als verrückte Erfindung des Secret-Service-Haustechnikers Q abgetan.
Dass ein bisschen Weinwissen ein Leben retten kann, weiß niemand besser als James Bond. Kurz vor dem Filmende von „Diamantenfieber“ wollen ihn zwei als Schiffsober verkleidete Killer mit einer in einem Dessert versteckten „Bombe surprise“ zu Fischfutter verarbeiten. Der folgende Dialog könnte vom großen Johnson stammen. James Bond alias Sean
Connery, als man ihm die Weinempfehlung, einen Mouton Rothschild, präsentiert: „Natürlich hätte ich mir zu einem derart reichhaltigen Mahl einen Claret erwartet.“ Der mordlustige Kellner: „Verzeihung, aber in unserem Weinkeller ist zur Zeit kein Claret vorrätig.“ Darauf fällt der Satz der Sätze: „Verehrtester, Mouton Rothschild ist ein Claret.“ Womit die Killer in der Maske der Kellner als erstere entlarvt werden. Ob die Aufnahme von Mouton Rothschild in die Premier Grand Crus von Bordeaux durch diesen Filmdialog beschleunigt wurde, wissen nur Bonds Boss M und Baron Philippe.
Ersterer macht sich dann auch Sorgen um 007s Gesundheitszustand und schickt ihn auf Kur. Leberwerte weit über dem geheimdiensttauglichen Limit, da muss eine Zeit der Enthaltsamkeit her und während der normale Kurgast das Fastenbrechen in ortsansässigen Konditoreien und Wirtshäusern pflegt, hat Bond einen Agentenkoffer voller Delikatessen dabei, als er in „Never Say Never Again“ einer blonden Dame erklärt: „Die Foie Gras ist exzellent.“ Dass die Idee eines Survival-Kits für alle Fälle bisher weder von Fauchon noch von Harrods aufgegriffen wurde, verwundert. Gehen die Menschen denn nicht ins Kino? Auch die Ingenieure der Autoindustrie scheinen das nicht zu tun. Wo ist der serienfähige Aston Martin mit eingebautem Champagnerkühler in der Mittelkonsole, wie man ihn in „Goldeneye“ über die Grand Corniche rasen sehen kann?
Und Roger Moore? Den neuen Bond hielten viele Kritiker Anfang der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts eher für den Filialleiter eines Möbelhauses als einen harten Agenten. Er rauchte keine virilen Zigaretten mehr, sondern paffte Montecristo Nummer Zwei. Doch immerhin kennt er sich mit Kaffeemaschinen aus, wie wir gleich bei der ersten Szene von „Leben und sterben lassen“ erfahren. Leider muss auch Bond mit der Zeit gehen und statt Kaviar gibt es in in den 80er Jahren kosmopolitisch inspirierte Genüsse. In „Octopussy“ beispielsweise nicht etwa Tintenfischrisotto, sondern einen ganzen Schafskopf auf Reis und während der böse indische Prinz ein Schafsaufge voin der Größe eines Hühnereis mit einem lauten Schlotz verspeist, sagt 007, nachdem es zur Tischkonversation die Erörterung verschiedener Foltermehtoden gab, mit denen er zum Sprechen zu bringen wäre: „Wenn mich jemand so anstarrt, vergeht mir der Appetit.“ Ein sensibler Esser, der wie ein Buchhalter wirkt, als er beim Abendessen mit einer Schönen bemerkt, dass die Rechnung für den Champagner wahrscheinlich an ihn gehen würde. Später wird sich der Killer ihrer Majestät sogar als kenntnisreich am Herd entpuppen, wenn er aus ein paar Vorräten in einem Herrenhaus bei San Francisco eine „Quiche de Cabinet“ baut. Die Zeiten haben sich geändert und ein Bond ist mehr am Kochen interessiert als an Frauen, denn die unvermeidliche Blondine des Films „A View to a Kill“ wird von ihm nach zwei Flaschen Bordeaux unbelästigt zu Bett gebracht. Der Gourmet-Macho der Sechziger und Siebziger ist damit ein für alle Mal begraben. Die Champagnermarke hat er schon länger vorher gewechselt. Vom protzig-vulgären Dom Pérignon ist James Bond schon ein paar Filme früher auf den Lieblingswein der britischen Queen umgestiegen und seither rätseln die Fans, ob es jetzt Bollinger heißt oder Bollönschäh – je nachdem, wie es den deutschen Synchronsprechern gerade eingefallen ist. Doch von einem Typen, der rasch zwei Bodyguard-Henker nach allen Kunstregeln halbtot schlägt und sich dann noch schnell etwas Kaviar auf den Toast streicht mit den Worten „Beluga. Das hebt die Stimmung.“, wie es der unterschätzte George Lazenby im „Geheimdienst Ihrer Majestät“ tat, sind die neuen Bonds meilenweit entfernt.
Kann es sein, dass die Drehbuchautoren Bond das feine Essen und Trinken gestrichen haben, weil in Zeiten von Jamie Oliver eh schon jeder zweite ein Foodie ist und Fine Dining als Distinktionsmerkmal des gehobenen britischen Beamten einfach nicht mehr taugt? Daniel Craig, der neue 007, trinkt jedenfalls Bier und das aus der Flasche. Immerhin erfindet er noch einen Drink namens „Vesper“, ein Rezept aus dem ersten Bondbuch „Casino Royale“. Bond als Vegetarier, der sich von Yotam Ottolenghi catern lässt – soweit ist es noch nicht gekommen. Wenn wir aber bedenken, dass sich die Autoren bei Energiekrisen, Weltkriegsszenarien und technischen Gags immer als verlässliche Trendbarometer bewiesen haben – vielleicht tun wir so genannten Feinesser und -trinker das ja alle auch bald: Bier aus der Flasche trinken statt Champagner aus dem Eiskübel. Wenn uns die Chinesen nämlich den Champagner weggekauft haben.















