Menschen



Bei Schokolade und Käse kann man ihm schwer etwas vormachen. Auf allen anderen kulinarischen Gebieten gilt für Thaddaeus Ropac, den smarten und jugendlich schlanken Galeristen mit Adressen in Salzburg und Paris, dann nur mehr eines: Leicht soll es sein.

Neinneinnein - von Schokolade braucht man Thaddaeus Ropac wirklich nichts zu erzählen. "Die beste gibt es in Frankreich", sagt er mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldet. Aber was ist dann mit Belgien, mit der Schweiz? "Nennen Sie mir einen Chocolatier, der zum Beispiel mit einem Debauve et Gallais mithalten kann?" Es fallen ein paar Namen, doch Herr Ropac schüttelt nur den Kopf. "Never! Dann haben Sie noch keine französische Schokolade gegessen."


Doch, schon. Jene, die aus einem lauwarmen Schokoladesoufflé herausfloss. Oder jene folienverpackte, die auf einem aufgeklopften Kopfpolster im Hotelzimmer lag. Aber nicht die von Debauve et Gallais aus der Pariser Rue des Saint Pères, an der sich schon Ludwig XVI., Antoine de Balzac oder Marcel Proust delektierten. 115,– Euro kostet die 500-Gramm-Packung Schoko-überzogener Krachmandeln, wenn man sie übers Internet bestellt (www.debauve-et-gallais.com). Und schon gar nicht die von Jean Paul Hevin oder Pierre Hermé, die in den vergangenen Jahren abwechselnd internationale Preise abräumten und damit ebenfalls zu den großen Verführern zählen, die den Genießer für den Rest seines Lebens auf eine herrliche Art verderben. "Wenn man in Frankreich eine richtig gute Schokolade gekostet hat, kann man keine andere mehr essen." Mögen Aussagen wie diese sehr sophisticated klingen, trüben sie doch das Bild: Luxus stellt absolut keine Kategorie dar,wenn Thaddaeus Ropac übers Essen spricht. Auch dem etwa von Schriftsteller Peter Handke oder von toskanischen Künstlerkolonien gepriesenen unverdorbenen Echten, dem Authentischen, misst er nur geringe Wichtigkeit bei. Er schätzt Leichtigkeit und Bekömmlichkeit, vor allem, wenn diese mit einer gewissen Geschwindigkeit verbunden sind. "Effizienz" ist das meist gebrauchte Wort,wenn es um die kulinarischen Vorlieben von Österreichs erfolgreichstem Galeristen geht. Gleichzeitig würde Thaddaeus Ropac nie einen Hamburger verdrücken, wenn ihn der Hunger plagt. "Fastfood kommt für mich nicht in Frage." Eher nimmt er Magenknurren in Kauf. "Der Gesundheitsaspekt bei der Nahrung ist mir doch sehr wichtig. Ich arbeite und reise sehr viel und gehe oft an die Grenzen meiner körperlichen Belastbarkeit."

Deshalb liebt er das "Sacher" in Salzburg, das für ihn eine Art "Wohnzimmer" darstellt und gleich ums Eck von seiner Villa Kast am Salzburger Mirabellplatz liegt, in der bis 8. November Arbeiten der französischen Künstler Jean Marc Bustamonte und Miquel Mont zu bewundern sind. "Mittags sitze ich auf der Terrasse mit Blick auf die Salzach, lese Zeitungen und nehme einen kleinen Salat zu mir." Auch an diesem recht frischen Herbsttag, der bei vielen langsam die Sehnsucht nach Kürbissuppe oder Deftigem weckt, hält sich der Körperbewusste an Grünblättriges. Dazu trinkt er stilles Wasser. Dass ihm die Küche, als sympathische Geste an einen treuen Gast, ein Amuse-Gueule aus Fischvariationen, ein kleines Stück Rind mit Ratatouille und einen Hauch von Gänseleber kredenzt, quittiert er mit einem freundlich-verlegenen Blick, der, ohne verletzen zu wollen, signalisiert: Danke sehr nett, aber ich muss bald weiter.

Die Festspiele sind vor kurzem zu Ende gegangen und Ropac ist in diesem Zusammenhang nicht ganz unglücklich, in nächster Zeit kulinarisch wieder etwas kürzer zu treten. "Diese sechs Wochen, die schlagen sich an. Meist wird sehr spät und schwer gegessen, dann schläft man schlecht. Da spüre ich, wie meine Energie hinuntergeht." Das soll nicht nach Beschwerde riechen. Er mischt ja auch selbst gern hin und wieder auf im großen Wechselbad zwischen Hochkultur und großem Vergnügen: Für die Premierenfeier zu Ehren der Künstler des Salzburger Nachwuchs- Regiepreises "Young Directors Project" stellte Ropac seine Galerie zur Verfügung, die zu diesem Zeitpunkt immerhin höchst Empfindliches von Anselm Kiefer zeigte – mystische, gigantische Arbeiten, die mit Ästen und Bleiformationen versehen waren. "Ich habe das gern gemacht,weil mir alles Zeitgenössische sehr am Herzen liegt", betont der leidenschaftliche Förderer junger Kräfte. Auch seinen Privatwohnsitz unweit von Schloss Hellbrunn öffnet Ropac gern für Zusammenkünfte dieser Art: "Ich engagiere anlassbezogen einen Koch, der mir sehr ordentliche Menüs zubereitet", verrät er und hält gleichzeitig fest – "wobei es an diesen Abenden, die durchwegs mit einer gewissen Ausgelassenheit einhergehen können, mehr um das künstlerische Ereignis geht als um das kulinarische."

Jetzt soll ihm ausgerechnet Paris diesbezüglich das Leben wieder erleichtern? "Ja, schon", denn Paris bedeutet für den Wahl-Franzosen mittlerweile mehr Alltag als Österreich. "Das Kunstgespräch findet dort meistens in der Galerie statt. Es passiert selten, dass ich mit dem Klienten noch essen gehe." Kommt es dann doch anders, sucht Thaddaeus Ropac "etwas im Mittelfeld auf, das ,Georges‘ zum Beispiel, am Dach des Centre Pompidou. Das Essen ist leicht und man muss nicht gleich einen ganzen Nachmittag dafür opfern." An diesen unkomplizierten, unprätentiösen Orten lässt sich das Angenehme gut mit dem Nützlichen verbinden: "Da bespreche ich auch schon einmal mit einem Museumsdirektor ganze Projekte durch." Er gibt das offen zu: Die wachsende Beschäftigung mit dem Essen geht an ihm, der ansonsten den Eindruck erweckt, bei allem,was er macht, stets nach dem Höchsten zu streben, vorbei. Was ihn hingegen tangiert,sind die Umgangsformen. Den "Tellerservice" zum Beispiel bezeichnet er als "österreichische Unart, wobei es in Deutschland genauso ist". Ein wirklich feines Essen gehöre in seiner Gesamtheit präsentiert, so dass der Gast bestimmen könne, welche Stücke und wie viele davon er auf seinem Teller haben möchte. "In Frankreich oder in England ist diese Vorgangsweise völlig natürlich." Richtig peinlich erschien ihm daher das Salzburger Staatsdinner mit Prinz Charles. "Ausgerechnet in Salzburg,wo man", wie er mit sanfter Ironie bemerkt, "versucht, alles noch besser und noch feiner als im restlichen Österreich zu machen, wurden dann die angerichteten Teller einfach so hingeflatscht. Das hatte Kantinen- Niveau." Auch als Kunstthema stand Nahrung nie im Zentrum seiner Interessen, wiewohl er natürlich bestens Bescheid weiß und gleich zu einem raschen Exkurs ausholt. "In den 60er-Jahren verpackte Joseph Beuys Mehl und Zuckerpackungen in Vitrinen, um den Wirtschaftswert dieser Grundnahrungsmittel festzuhalten. Später entleerte er Colaflaschen, füllte sie mit Tee an, den ein italienischer Freund gebräut hatte und versiegelte sie. In meiner Sammlung habe ich eine dieser ,Bruno Cora Tee‘-Flaschen. Andy Warhols Campbell's Suppenboxen waren eine große Erneuerung. Claes Oldenburg hat eine Zeit aus Gips Torten mit all ihrem Dekor angefertigt und sie dann verschenkt. Diese besitzen heute einen enormen Wert. Auch bei dem österreichischen Filmemacher Heinz Cibulka oder bei Hermann Nitsch ist das Essen Teil der künstlerischen Auffassung." Wie gesagt: Wissen, spannend, aber nicht von Emotion durchdrungen. Gleichzeitig freut sich Ropac, wenn er in Paris mit "dem berühmten französischen Philosophen", dessen Name er bedauerlicherweise nicht verrät, essen geht und dieser zwei Stunden lang, nämlich während er isst, nur übers Essen redet. Er mag es auch, wenn ein bestimmter Klient wieder einmal vorbeischaut und mit ihm das mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnete Restaurant "Ambroisie" auf der Place des Vosges besucht. "Ein Mittagessen dauert dort von halb eins bis halb vier am Nachmittag, und am Ende wanke ich vor lauter Unbeweglichkeit hinaus." Dennoch fragt er sich manchmal, ob die Zufuhr von Nahrungsmittel gesellschaftlich einen derart prominenten Stellenwert haben soll – "oder, ob nicht manches doch etwas dekadent erscheint". Sind Köche in diesem Spitzenbereich nicht ebenfalls Künstler? "Gewiss verfügen sie über ein enormes Können, das mit einer großen Kreativität gepaart ist. Aber für meinen Geschmack wird der Kunstbegriff zu leichtfertig angewandt, Kunst ist schließlich nichts Alltägliches, sondern etwas wirklich Außergewöhliches." Ein Blick auf den Markt, und er subsumiert: Gegenwärtig treffen sich die beiden, das Essen und die Kunst, eher selten. Thaddaeus Ropac erinnert sich dennoch an einen Ausnahmefall: Vor wenigen Monaten war er erstmals zu einem "Eat Art"-Event des Schweizer Künstlers Daniel Spoerri geladen. "Die Gäste speisten also ganz normal und ab einem gewissen Zeitpunkt sollte jeder aufhören zu essen. Alles musste so belassen werden, wie man es gerade niedergelegt hatte." Eine Woche später waren die Kunstwerke in dem Pariser Museum Le Jeu de Paume zu besichtigen. Rückblickend erzählt er, involviert, aber mit einer gewissen Distanz: "Es ist interessant, wenn Essen als Ritual festgehalten und dann zum eigentlichen Inhalt wird." Am glücklichsten, sagt Thaddaeus Ropac, ist er, wenn er daheim essen kann. Dort gibt es nicht viel, aber dafür Zuverlässiges. "In meinem Kühlschrank habe ich immer einige Sorten Käse." Der späte Verzehr der fetthaltigen, hystaminreichen Kost sei nicht optimal, aber natürlich lebt auch er, der bei aller Disziplin nichts Verbissenes hat, seine Momente abseits der viel beschworenen "Effizienz". Dazu trinkt er Rotwein, vorwiegend französischen, manchmal italienischen Brunello. Um den Rebensaft kommt man als ein in Frankreich Lebender nicht herum. Erfuhr man dazu eine so schöne Annäherungsgeschichte wie Ropac, macht die Beschäftigung mit Wein gleich doppelt viel Spaß. "Vor vielen Jahren besuchte mich ein Sammler in Salzburg und erwarb ein sehr schönes Kunstwerk. Weil die Zusammenarbeit so angenehm verlief, schickte er mir am Ende eine Kiste Château Petrus." Vor 20 Jahren wusste Thaddaeus Ropac weder was ein "Petrus" war, noch konnte er ahnen, dass der großzügige Käufer, Monsieur Petrus selbst, also Christian Moueix war. "Ich habe diesen Mann, mit dem ich später gut befreundet war, jedes Jahr auf seinem Schloss in Libournes besucht und diese Zusammentreffen waren maßgeblich daran beteiligt, mein Interesse für Wein zu fördern." Seit zehn Jahren besitzt Thaddaeus Ropac daher ein "Petrus-Abonnement", über welches er mit einer selbstverständlichen Lockerheit spricht, als ob es sich dabei um Abonnement für einen Konzertzyklus handelt. Petrus-Abonnement, wie das klingt … Man kann sich das Schmunzeln schwer verkneifen. Und er lacht mit.

"Wein steht in seinem kulturellen Anspruch doch etwas höher als Essen und es ist schön zu erleben, wenn jemand diesem Thema Wert verleihen kann", erläutert er die kulinarische Differenzierung. In der Hoffnung, noch einmal den Genießer im Galeristen hervorzulocken, steht an dieser Stelle natürlich die Erkundigung an: "Und wann wird die erste Kiste aufgemacht?" Thaddaeus Ropac reagiert darauf fast prüde: "Das weiß ich nicht. Vielleicht auch nie." So einfach will er es dem Zuhörer nicht machen. Sich einerseits ernsthafte Gedanken machen und dann ins Profane abdriften, nein, das wäre nicht er.