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Harmonien für Magen und Gemüt

Würzige Gitarrensounds und würzige Küche. Schöne Stimme, sanfte Seele, Allstar-Stress. Familienmensch Georgij Alexandrowitsch Makazaria, Frontman der Band Russkaja, hält so viel rasanten Spaß mit Essen, Trinken, Kochen in Schwung. International – doch am liebsten georgisch.

Text von Ro Raftl · Fotos von Wolfgang Hummer


Die Farben und Düfte weiter Welten, in Sackerln, Packerln, Flascherln gesammelt, orientalisch-bunt, fast mangamäßig aufgepeppt: 1001 Geschmack im Prosi Exotic Supermarket in der Wimbergergasse in Wien Sieben. Märchenhafte Überfülle für Köche, aromanostalgische Globetrotter, Sozial­romantiker, Heimwehkranke.

Passt perfekt zu Kosmopoliturbo: Offen sein für globale Musikstile, Rhythmen, Melodien, hochenergetisch, witzig & punkig, positiv aufgeladen. Sounds, die auf sämtlichen Festivals „fahren“, egal ob Metal, Reggae, Hiphop oder Jazz, längst auch auf englische und spanische Texte erweitert. El pueblo unido ist so ein Ohrwurm, der einfach ü-ber-all auf der Welt funk­tioniert Kosmopoliturbo nennen Russkaja ihr neues ­Album. Alles klar? Khorosho?

Also. Wer den Prosi-Markt nicht kennt – die siebenköpfige Wiener Band Russkaja und ihren Frontman
Georgij Alexandrowitsch Makazaria kennt jeder ORF-Konsument aus Willkommen Österreich seit zehn Jahren. Und mehr. Georgij, der karategestählt sanftmütig beherrschte Hüne beglückte eingeschworene Dancing-Star-Liebhaber ungeachtet eines beachtlichen Volumens bis hin zum Finale mit geschmeidiger Beweglichkeit. Georgij lässt in melodischem Wienerisch, gelegentlich halt mit vertauschten Artikeln, den Schmäh rollen und nach und nach ein butterweiches Herz entdecken. Strahlt als geborenes Showtalent mit goldenen Pünktchen in hellblauen Augen, die bei Nachdenklichkeiten in melancholisches Grau changieren können.

Georgij kocht Tee in seiner großen Küche mit einem Eiskasten, der wie ein Russkaja-Plattencover des deutschen Animationskünstlers Juppi Juppsen mit bunten Ansichtskarten, Stickern, Show- und Familienfotos poppig ­beklebt ist – und schreibt die Einkaufsliste.

Konferiert telefonisch mit der Köchin vom Aragwi, seinem georgischen Leib-Stamm-Lieblingslokal in der Neustiftgasse 3 hinter dem Volkstheater. Denn. Die Putzhilfe hat Urlaub und seine süße, zarte Frau Julia gibt nicht nur Deutschunterricht, lernt für ihren zweiten Studienabschluss, muss auch das vitale Durcheinander von vier Kindern managen: seinem 14-jährigen Nikolaj, ihrer 13-jährigen Marie und den beiden gemeinsamen Töchtern Valentina, 8, und Sophia, 5. Dass sie nicht vorm Fernsehapparat versumpern, sondern sich an der frischen Luft bewegen. G’scheit lernen, g’sund essen. Ein Liebeslied hat er ihr schließlich geschrieben, Radio Song, auf der CD Peace, Love & Russian Roll vom vorvergangenen Jahr. „Sie! Organisiert überhaupt alles. Den Haushalt und den Sport, den Urlaub und die Wanderungen. Hat mir Skifahren beigebracht – und Surfen. Wow. Als ich zwanzig Sekunden auf einer ­Welle gestanden bin, hab ich geröhrt wie ein kleiner Bub: Als Mensch die ­Welle bezwungen zu haben!“

Grad bezwingt dieser Held der Meere die Rolle des Göttervaters Jupiter in der Operette Orpheus in der Unterwelt in Baden, im November auch den Dschin im Kindermusical Aladdin. Abgesehen von etlichen Festival-Konzerten und der Herbst-Tournee durch Österreich mit Kosmopoliturbo – ha, am 7. 10. in der Wiener Simm-City! Natürlich auch Willkommen Österreich. Das wird immer montags aufgezeichnet. Da gibt’s keine Konzerte“, sagt der Russkaja-Leader nonchalant. Und. „Familie ist mir sehr wichtig.“ Richtig zu Hause ist er trotzdem nur selten. Deshalb. Darf Julia nicht noch extra putzen müssen. Zu viel. Also wird er im Aragwi an der vermutlich beliebtesten georgischen Vorspeise schnipseln und rühren: Badridschani mit Walnüssen / Badrijani Nigvzit.

Mmmh! Flutschig. Weitere Überraschungen werden dort warten. Giftgrüne Waldmeisterlimonade. Oder. Chacha, der ganz besonders feinblumige georgische Grappa. Georgijs Augen glänzen. Nun. Erst einmal zum Prosi-Markt wegen der Gewürze und der Nüsse, dann zu Denn’s wegen des Bio-Frischzeugs Melanzani, Granatäpfel, Käse. Den schwarzgrauen Bart hat er fein gebürstet, ihm ja auch einen Song gewidmet. Barada: „Ich hab das ganze Leben davon geträumt / hab Bilder von ihm aus Zeitschriften ausgeschnitten / hab ihn am Schultisch gekritzelt / An ihn gedacht während der Fahnenstunde …“

Der georgische Tanzbär hat Humor. Für die Seele noch den Russian Gentlemen Club, um mit Dobrek Bistro-Primasch Aliosha Biz, Frejlech-Bandleader Roman Grinberg, klezmer reloaded-Akkordeonist Sascha Shevchenko, viel Schmelz, Temperament und Herzblut musikalische Perlen eines zerbrochenen Vielvölkerstaats wiederauferstehen zu lassen. Aber blöd. Jetzt hat der Allstar den original georgischen Sauerrahm, cMeTáHa mit einer Katze vorne drauf, im Kühlschrank vergessen, also noch einmal zurück, oder wir müssen ins russische Lebensmittelgeschäft Teremok in der Burggasse einfallen.

Reden und lachen beim Tee, im Gehen, auch mit halbvollem Mund. Freiherr von Knigge wird verzeihen: Imeruli Khachapuri riecht zu verführerisch, um nicht warm angeknabbert, ja, und sehrsehrschnell verschlungen zu werden. Imeruli Khachapuri klingt wie der Name einer Großfürstin aus der Goldenen Operette, ist aber die georgische Pizza aus kalt gerührtem Germteig mit Mozzarella und frischem Schaf- oder Ziegenkäse. Sofort vergisst man, Kalorien zu zählen. Plant, täglich zu dieser Pizza zu pilgern. Wünscht sich, ein georgisches Kind zu sein. Georgij freut sich unter den sechzig Jahre alten Fassadenziegeln aus ­Tiflis, die nach Wien importiert worden sind, ­zwischen altem bäuerlichen Hausrat. „Viele glauben, das Lokal gehört mir, weil der Besitzer auch Georgij heißt und ich ständig hier esse und trinke.“ Noch sind wir beim grünen Waldmeisterwässerchen. Georgisch alkfrei.

Obwohl. Aufgewachsen ist Makazaria in Moskau. Bei einem georgischen Opa aus Kutaissi, der war Spezialist für Tunnelbau, und einer jüdischen Oma. „Die Mutter hat viel gearbeitet, die Oma täglich frisch gekocht. Göttlich. Mir hat alles geschmeckt. Allerdings. Nachkriegsgeneration. Die Großeltern haben verlangt, dass ich aufess’. Sich zu wehren, hatte keinen Sinn. Hab auch kapiert, dass ich nach leer gegessenem Teller aufstehen und spielen gehen konnte. Jetzt. Hat’s halt den Nachteil, dass ich nichts übrig lassen kann, selbst, wenn ich satt bin. Hihi, man sieht’s an meiner Statur, dass ich ein braver Bub war.“ Heute noch träumt er von Weißbrot. „Das gab es immer zu allem: zum Frühstücksgrießbrei, zur Melone, zum Saziwi, dem gekochten Hendl in Walnuss-Knoblauchsauce. War sehr gut, das Weißbrot in Moskau, bissl wie Baguette, aber mit flauschigerer Kruste, und wir haben’s täglich frisch geholt. Wenn’s älter war, wurde French Toast daraus gemacht.“

Georgijs wichtigster Tag war der 9. Mai, der Tag des Sieges nach dem Zweiten Weltkrieg – „und wie das Schicksal es wollte, auch mein Geburtstag. Da hat der Opa alle Orden aus der Lade geholt und mich mitgenommen zur Parade auf dem Roten Platz: 1941 sind ihm beide Beine durchschossen worden. Doch da er sich noch geregt hat, klaubte ihn eine Krankenschwester unter den Toten vom Feld. Aber. Kaum waren die Wunden halbwegs verheilt, wurde er in einen Panzer gesetzt.

Nach der Parade gab’s ein Riesenfest. Für die Kriegsveteranen, Russen und Georgier, für mich Geburtstagskind und meine Freunde. Der Tisch war ein U, reichte von einem Zimmer hinaus ums Eck in den Korridor und wieder hinein ins zweite Zimmer. Und. Es wurde unglaublich aufgekocht. Von der Oma Saziwi in Riesenportionen, das konnte man kalt noch am nächsten Tag essen. Vom Opa Lobio, den Rote-Bohnen-Eintopf mit Zwiebeln, Paradeisern, Knoblauch, Koriander, Petersilie und Granatapfel. Zum Wodka wurde Sauergemüse-Allerlei serviert, klar, damit du ein paar Elektrolyte reinbekommst in deinen Schnaps! In Russland ist das eine ganz andere Kultur des Trinkens. Wenn in Russland ein Tisch gedeckt wird, ist es nicht so, dass jeder ein Stamperl bekommt. Da stellt man ein, zwei, drei Flaschen auf einen großen Tisch. Und es werden Trinksprüche aufgesagt. Die Kinder haben natürlich Wasser getrunken. Oder Tkemali. Eigentlich eine scharf-süßsaure Sauce aus Granatäpfeln und Kirschpflaumen, hm, Ringlotten heißt das hier, und Gewürzen. Sehr gesund, sehr sättigend, meine Cousine und ich haben sie ständig gegluckert. Bier? Nein, kaum, das kam erst nach dem Fall der Sowjetunion. Aber Wein! Unsere Verwandten haben ihn aus Georgien geschickt.“

Im Aragwi gluckert der 43-jährige Kosmopolit seinen Lieblingsroten, einen beerigen Khvanchkara 2016 von Marani. Andächtig. „Ich hab sogar ein Lied geschrieben über diesen Wein. Doch, gibt auch trockenere, ich mag’s aber lieber fruchtig. Prost! Zum Wohl.“

„Entdeckt“ wurde er bei einem Pionier-Lager im Sommer. Russische Schüler waren ziemlich eingeteilt. Vielleicht acht Jahre alt, stand Georgij in einem Chor, und der Chorleiter sagte plötzlich: „Du bist jetzt die Hauptstimme.“ Okay. Worauf seine Mutter beim Eltern­konzert am Ende des Jahres vor Rührung weinte und der Chorleiter erklärte: „Der Bub hat Talent, den müssen Sie fördern.“ Also Schluss mit Freizeit: Klavierunterricht, Gehörbildung und zusätzlich privater Musikunterricht. „Manchmal hätte ich lieber mit meinen Freunden Fußball gespielt.“

Hm. Als er nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 in die NÖ-Südstadt übersiedelt wurde, plädierte seine „tüchtige, hübsche, kommunikative Mutter, Dolmetscherin, die mit einem Österreicher ­ausgewandert war und hier einen florierenden Holzhandel aufgezogen hatte“, trotzdem für die Handelsakademie. „Business!“ Doch nachdem Georgij Deutsch gelernt hatte, trainierte er Karate und Aikido, brachte sich Gitarrespielen bei, gründete seine erste, zweite, dritte Band „and so on“. Also wurde es die Handelsschule. Wobei. Er seiner Mutter bis zu ihrem frühen Tod zehn Jahre später gut und gern beim Holzhandeln half, ein Tonstudio aufbaute, dem sogar ein Hit entspross, und die Freundschaft mit Mario Vukovic pflegte: „Unsere Keller grenzten aneinander. Er hat ständig an ­irgendwas herumgeschweißt, ich hab Gitarre geübt und ­hatte fast immer ein Schluckerl Wein parat. Jetzt. Dimmen die Lampen seiner Firma soft-LED Häuser wie die Wiener Staatsoper, die Münchner Kammerspiele oder das Operettentheater Moskau – und er ist mein Sponsor.“

Kochen musste der Einwanderer nicht. Das taten „die Mädels. Gab dauernd Party!“ 2000 dann Paulus Mankers und Thomas Rabitschs F@lco – A Cyber Show, Makazaria und Roman Gregory wild düster mächtig als Volkes und Gottes Stimme im Wiener Ronacher; die ­Bekanntschaft mit Musikern, Sängern, Technikern, Profis, die über die Musikgeschichte des Landes verteilt sind, Spaß und Ernst: „Dort fing die Karriere an!“ 2005 hat sich die Ska-Band Russkaja ­formiert. Zu ­einer Erfolgsgeschichte.

Wir lassen im Aragwi längst Badridschani flutschen, erforschen die Zusammensetzung von Chmeli ­Suneli, der aromatischen Quintessenz aller georgischen ­Saucen, und können uns mit der Köchin auf Koriander, Bockshornklee, Pfeffer, Schabzigerklee, Bohnenkraut, Dille, Fenchel, Granatapfelkerne, Lorbeer, Majoran, Minze und Safran einigen. Denn. Im Ehestand mit Kindergewurrl hat sich der Musiker auch fröhlich an den Herd gestellt. Erstmal an Spaghetti ­Bolognese und Bratkartoffeln ­versucht, bis Seele und Magen nach dem Geschmack der Kindheit verlangten. Nach Borschtsch, ganz dringend. Den hat ihm die Köchin seines Hochzeitsfests im Palais Schwarzenberg beigebracht, na, und nicht im Hotel haben sie gefeiert, sondern im privaten Trakt einer guten Bekannten. Rauschend. An einem liebgewordenen Platz, allein durch die Nähe zum Ostclub, wo Russkaja in seinen Anfängen viel zugange war. Längst kann Georgij das Rezept – für Riesenmengen – des rotwürzigen, ursprünglich ukrainischen Eintopfs auswendig, selbst wenn er noch immer bissl länger dazu braucht als die Oma: „Die hat Borschtsch in fünf Minuten gekocht.“

Das Backen indes bleibt ihm erlassen. Schwärmen nur muss er von „den Wahnsinnstorten, die meine Frau zu jedem Anlass macht, diese Limettentorte, diese Erdbeer-Joghurt-Cremetorte. Traumhaft! Und erst die Weihnachtsbäckerei, der aufregendste Keksausstech-Contest für die Kinder! ­Vanillekipferln kann ich kiloweise verdrücken.“ Sonnig selbstironisch schließt er das Gelage: Zu Weihnachten nehm’ ich immer sieben Kilo zu. Und nur fünf Kilo wieder ab.“

PS: In Russland wird Weihnachten am 7. Jänner gefeiert.

Badridschani – Melanzani mit Walnuss-paste und Melanzani mit Schafkäsefüllung
Eine Portion sind jeweils 3 Stück von beiden Varianten
Wir nehmen 2 Melanzani und schneiden sie längs in dünne Scheiben. Daraus ­bekommen wir 6 bis 8 Scheiben für beide Gerichte. Diese werden mit ­etwas Öl angeröstet.
Gewürze
20 g Kinza, gerieben (Koriander)
5 g Safran (georgisch)
20 g Aragwi-Gewürz (geheim, oder Chmeli ­Suneli)
Salz
Grünzeug
1 Bund Dille
1 Bund Koriander
1 Bund Petersilie
Zubereitung
Walnusspaste: 100 g Zwiebeln ­anrösten und abkühlen lassen. 100 g geriebene Walnüsse mit etwas Wasser zu einer Paste verrühren. Gewürze und Zwiebeln unter die Walnuss­paste mischen, nach Geschmack 1 gepresste Knoblauchzehe dazugeben. Die gebratenen Melanzanischeiben in eine Rolle formen und die Paste schön dick darauf verteilen.
Schafkäsefüllung: 200 g Schafkäse mit 100 g Sauerrahm und 1 Bund klein geschnittener Dille vermischen. Jeweils eine Handvoll davon nehmen und daraus die Füllung ­formen, die mit den gebratenen Melanzanischeiben umwickelt wird.
Mit fein gehacktem Koriander und Petersilie sowie Granatapfel­kernen bestreuen.