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Kein Problem. Hussam.

Ein gegenseitiges Praktikum. Vom Syrer in unserer Küche.

Text von Eva Rossmann · Illustration von Andre Sanchez

Er heißt Hussam. Er ist sechsundzwanzig und will Koch werden. Viel mehr weiß ich nicht über ihn. Zumindest kann ich ihn nicht viel fragen. Während ich jetzt über ihn schreibe, sitzt er im Deutschkurs. Aber es hat eineinhalb Jahre gedauert, bis er einen bekommen hat. Er hat versucht, sich selbst ein bisschen was beizubringen. Und seit einiger Zeit kann er gewisse Worte sehr gut. Zum Beispiel „Salat mit Ziegenkäse“. Oder „Blauer Erdäpfelsalat“. Oder „Pastrami au deux“.

Damals, als immer mehr Syrer vor dem Krieg nach Europa geflohen sind, stand ich mit einigen einheimischen Gästen auf der Terrasse der Alten Schule. Sicher gibt es Köche unter den Flüchtlingen, habe ich gesagt. Gar nicht übel, bei unserem Personalmangel. Wahrscheinlich gäbe es auch genug Leute, die kellnern, abwaschen. Die lernen schon im Kindergarten Englisch. Die syrische Küche sei fein, gar nicht zu reden von der libanesischen. Die Männer haben mich freundlich distanziert angesehen. Man wollte mir nicht widersprechen. Dann hat einer doch was gesagt. Man müsse eben aufpassen, wegen der Sauberkeit. Dort unten sei schon vieles anders.

Die waschen sich doch besonders häufig die Hände, und Sauberkeit sei quasi ein Teil ihrer Religion, habe ich erwidert. Immer diese Vorurteile. Aber das habe ich nur gedacht. Der Damm aber war mit dem ersten Widerspruch gebrochen. Apropos Glaube: Ob es denn gehen werde, dass die sechs Mal am Tag Richtung Mekka beten? Meine Gegenfrage, wer von ihnen jeden Sonntag in die Kirche gehe, wurde von der Diskussion überlagert, in welcher Richtung Mekka liege. Gebetsteppich Richtung Feuermauer zum Fischer-Haus? Oder eher doch, weil Osten, zum Hendlgehege?

Habibi heißt Freunde, das hat mir meine Freundin Romana beigebracht. Einer ihrer syrischen Schützlinge hat an der Filmakademie studiert, ein anderer als Fotograf im Krieg für europäische Presseagenturen gear­beitet. Und dann gibt es eben noch Hussam, der Koch werden will. Ob man ihn nicht irgendwie beschäftigen könne, habe ich Buchinger gefragt. Unsere beiden jungen Köchinnen hatten kurz hintereinander gekündigt. Jobs gibt es eben genug und kürzere Anfahrtswege waren offenbar ein gutes Argument. Buchinger hat fast überall auf der Welt gearbeitet. Die Geschichten über sein Gastspiel in Beirut sind legendär. Natürlich kennt er auch Damaskus. Stolz seien sie, die Araber, hat er ­erwidert. Weil es DIE Araber gäbe, genauso wie DIE Österreicher. Und schon waren wir in einem unserer Wortgefechte. Er weiß, dass er mich mit „Gutmenschin“ zumindest hin und wieder auf die Palme bringen kann. Aber so richtig heiß wird bei uns eher gekocht als gestritten, und so saß Hussam einige Zeit später gemeinsam mit Romana und seinem Freund Mejd, dem Filmer, in der Wirtsstube. Ich war bei einer Lesung. Romana erzählte mir begeistert, dass Manfred sehr nett gewesen sei und Hussam sicher einen sehr guten Eindruck gemacht habe. Obwohl das Lokal brechend voll gewesen sei, habe Manfred sie auch noch bekocht. Köstlich, und die drei gebackenen Schweinsschnitzel habe dann eben sie verdrückt, mit aller Gewalt, um ihn nicht zu brüskieren. Mejd liebe inzwischen unsere G’spritzten, sei aber Vegetarier. Und Hussam wäre alles andere als ein Fundi, aber Schweinefleisch und Alkohol möge er doch nicht. Ich wundere mich. Buchinger spart sich den einen oder anderen Alltagsrassismus ziemlich exklusiv für mich auf, ansonsten ist er doch zu weit herumgekommen, um nichts von der Vielfalt der Welt zu wissen. Üblicherweise achtet er darauf, potenziellen Moslems nichts Schweinisches vorzusetzen.

Wenn man einen legalen Weg finde, dann solle Hussam mithelfen, sagt er bei unserem nächsten Vormittagskaffee. Manchmal ist er ein klein wenig angerührt (aber welcher auch nur halb so erfolgreiche Koch ist das nicht), also erwähne ich es ganz nebenbei und als wir uns eigentlich schon der Tageskarte zugewandt haben. Fürchterlich viel müsse losgewesen sein, aber das mit den Schweinsschnitzeln sei überhaupt kein Problem gewesen … Buchinger sieht mich verblüfft an. – „Du hast ihnen Schweinsschnitzel geschickt.“ – „Aber natürlich nicht. Das waren Kalbsschnitzel.“ Missverständnis. So schnell kann es gehen. Romana ist eine hervorragende Köchin und auch eine begabte Esserin, aber ihre Kompetenz liegt nicht gerade bei der klassischen österreichischen Küche. Und der Schutzinstinkt ihren Habibis gegenüber ließ sie bei Gebackenem sofort an Schwein denken. Was soll’s, sie sind nicht verhungert, und meine Freundin hat das Dreifach-Schnitzel überlebt.

So begann es also. Dann stand Hussam bei uns in der Küche. Rundes, freundliches Gesicht, dicke schwarzgerahmte Brille. Eine meiner Kochschürzen mit „Mira kocht“ umgebunden. Das AMS hat ein Arbeitspraktikum genehmigt. Bezahlung gibt’s keine, dafür bekommt er weiter Mindestsicherung. Auf den Deutschkurs hat er zu Beginn seines Praktikums noch immer gewartet. Dass meine Vorstellung, jeder Syrer lerne schon ab dem Kindergarten Englisch, nichts mit der Realität zu tun hat, wusste ich bereits. Vielleicht ist das in einigen Eliteeinrichtungen so, ansonsten gibt’s ein wenig Englisch samt den anderen Buchstaben bis zur Matura. Aber in der Küche sieht man ohnehin, was man tun soll. Buchinger oder ich machen es vor, Hussam macht es nach. Zwiebel schneiden. Hussam will nichts falsch machen. Ganz konzentriert und langsam. „Fein!“ sage ich und mir kommt, dass das Wort zwei Bedeutungen hat. Ganz klein. Gut gemacht. Wer macht sich sonst schon über so etwas Gedanken? Nicht einmal ich, die vom Umgang mit der Sprache lebt. Für uns ist Deutsch in all seinen Facetten selbstverständlich.

Hussam wohnt in einer Araber-WG in Wien-Währing. Er fährt mit der Straßenbahn, dann mit der U-Bahn, dann mit der S-Bahn. Und dann ist er in Wolkersdorf. Oder in Schleinbach. Entweder wir haben Zeit, um ihn abzuholen, oder er wandert. Wer schnell geht, schafft es von Schleinbach in einer halben Stunde. Vom Wolkersdorfer Bahnhof aus dauert es länger, aber dafür ist die Chance größer, mitgenommen zu werden. „Kein Problem“, sagt Hussam und lächelt, wenn ich ihm in möglichst einfachen Worten zu erklären versuche, warum ich ihn morgen nicht zu einer fixen Zeit am Bahnhof treffen kann. Wie viel er verstanden hat? Manchmal glaube ich, alles, manchmal glaube ich, gar nichts. Er hat ein gutes Gespür, was gemeint sein könnte. Meistens.

Hussam landet am Gardemanger. Buchinger zeigt ihm, was zu tun ist, und sobald er es kann, soll er machen. Niemand, der je bei uns gearbeitet hat, sagt, dass man ihn nichts tun hat lassen. Marinade. Auch so ein Wort, das Hussam schnell lernt. Und er schreibt in faszinierender Geschwindigkeit arabische Zeichen von rechts nach links. Nur die Ziffern sind annähernd gleich. Aber die heißen ja auch nicht umsonst arabische Zahlen. Die Limetten, erkläre ich ihm, gehören dünn aufgeschnitten. Ich mache eine entsprechende Geste. Die Zitronen, die zum Gebackenen kommen, dick. Wieder eine Geste. „Jo, kein Problem!“, antwortet Hussam. Mit Einfühlungsvermögen und Phantasie kann man auch ohne gemeinsame Sprache wunderbar kommunizieren.

„Zitronen nach vor!“, rufe ich beim Anrichten. Fassungsloser Blick. Ich renne zu seinem grünen Brett. Da liegt ein Haufen fein gehackter Zitronenteilchen. „Dick!“, rufe ich und versuche, nicht ungehalten zu klingen. Er kann ja nichts dafür. „Jo, kein Problem“, sagt Hussam. Freundlich hört er zu, wenn Buchinger ihm auf Weinviertlerisch Vorträge über Tempo und Präzision hält. – „Er versteht dich nicht“, rufe ich. – „Der muss das lernen!“ – „Dich freut ja nur, dass er nicht zurückreden kann!“ – „Früher hätt ich mir das von niemandem gefallen lassen!“

Von Tag zu Tag geht mehr, geht es besser. Hussam hat sich die komplizierten Namen unserer Vorspeisen gemerkt, er hat sich gemerkt, wie man sie anrichtet. Er weiß, dass Buchinger manchmal alles anders macht und dass „au deux“ eine Portion auf zwei Tellern bedeutet. So gerne würde ich ihn fragen, was er denn gerne kocht. Ob er mir nicht einmal etwas zeigen möchte. Seine Freunde nennen ihn „Mister Falafel“, er soll echt gut sein. Aber dafür ist irgendwie immer zu wenig Zeit.

Wieder ein eisiger Morgen. Diesmal hole ich ihn vom Bahnhof ab. „Guten Morgen, geht es gut?“, sagt er wie immer. Im Autoradio die Nachrichten. Seit drei Tagen gibt es kein Wasser in Damaskus. Hussams Eltern leben dort. „Kein Bomb“, hat er einmal gesagt, als ich ihn gefragt habe, ob das nicht schlimm sei.

„Damaskus – kein Wasser?“, frage ich jetzt. Er nickt. Kein Lächeln mehr. Als ich wenig später Brokkoli kalt abschrecke, schütte ich das Wasser nicht weg. Ich nehme es, um den Gemüsefond zuzustellen. Sein Vater hat eine Sockenfabrik, hat mir Romana erzählt. Inzwischen besucht Hussam täglich zwischen acht und elf einen Deutschkurs. Endlich. Danach macht er sich auf den Weg zu uns. Wir brauchen ihn. Die Alte Schule ist trotz miesen Winterwetters meist ausreserviert. Dass er Rotkraut und blauen Erdäpfelsalat verwechselt, ist seltsam, aber leicht zu korrigieren. Vor allem, als ich dahinterkomme, dass er immer Rot für Blau und Blau für Rot gehalten hat.

Einen Hilfskoch aus Afghanistan hätten wir auch beinahe bekommen. Aber bevor ich ihn gesehen habe, war er schon wieder weg. „Er hat gesagt, das ist ihm zu weit“, erzählt Buchinger. „Als ich gemeint habe, er soll doch in die Küche kommen und einmal schauen, was wir machen, hat er gesagt, im Auto sitzt seine Frau und wartet.“

Und dann Silvester. Der letzte Tag vor unserer Winterpause. Jeder Tisch gebucht, Jimmy Schlager hat versprochen, einige seiner großartigen Weinviertel-Songs zum Besten zu geben („Nur ka Wasser net“ gefällt dem Wirt Buchinger besonders). Im Service zwei. In der Küche wir. Am Nachmittag feiern traditionell die Kronberger. Fröhliche Jungs unterschiedlichen Alters, wir mögen sie und sie uns offenbar auch. Sie gehen gegen sieben, und um sieben geht unser Neungangmenü los. Zirka um diese Zeit stürmt Buchinger außergewöhnlich aufgeregt (das ist üblicherweise mein Part) in die Küche. „Die derpacken es nicht, ich muss ins Service!“ Ich sehe Hussam an und weiß, was er sagen würde. Und dann legen wir los. Er begreift, dass wir schnell sein müssen. Zum Glück haben wir optimal vorbereitet. Den ganzen Tag über. Jetzt richtet er an, zehnmal Entenkraut im Versteck, zehnmal Pastrami mit dreierlei Kürbis. Und wieder. Und weiter. Buchinger kommt, arbeitet mit uns, rennt wieder und serviert. Hussam richtet mit mir die Gallowaysuppe mit Trüffelnockerl an, einen Gang nach dem anderen. Kurz vor Mitternacht ist es. Tellerstapel. Desserts. Seine Striche mit der Powidlsauce werden schon richtig kühn. Schneenockerl drauf, Schokomarquise. „Wir schaffen es“, sage ich zu ihm. Ich grinse. Merkel-Spruch. Sie hat so Recht. Es geht viel mehr, als man glaubt. Tun muss man es. Noch sechs Teller. Fünf vor Zwölf. Drei vor zwölf nimmt Maria die letzten Desserts.

„Cool“, sage ich zu Hussam und klopfe ihm auf die Schulter. Er strahlt. „Kein Problem.“