AlaCarte Logo

Fluchtachterl: Reifeprüfung und..

Da wir uns nicht nur für die Welt an... mehr


     A la Carte auf Facebook
    A la Carte-App auf iTunes

Netzfreiheit


Martin Müller ist der einzige Berufsfischer am Kärntner Weißensee. Bisher war er auch ein erfolgreicher Fischzüchter. Doch aus ökologischen Gründen will er von der Speisefischzucht nun nichts mehr wissen.


Text & Fotos von Georges Desrues

Über zehn Jahre züchtete Martin Müller Speisefische an den Ufern des Kärntner Weißensees. Ab sofort ist Schluss damit. „Selbstverständlich bedeutet das einen wesentlichen Umsatzrückgang, aber guten Gewissens kann ich die Speisefischzucht einfach nicht mehr verantworten“, sagt Müller, der nicht nur Fischzüchter ist, sondern auch beruflicher Netzfischer und begeisterter Angler.

Außerdem ist er noch Limnologe, also Ökologe mit Schwerpunkt Binnengewässer, hat als solcher Fischökologie und Fischbiologie studiert und seine Diplomarbeit über die Reinanke im Weißensee geschrieben. Schließlich ist er auch noch hier aufgewachsen, mit dem einzigartig schönen Kärntner See ist er also geradezu verwachsen.

„Es ist nicht immer einfach, all das unter einen Hut zu bringen, manchmal widersprechen sich die Tätigkeiten auch“, sagt der Fischer, während er den Außenmotor seines Boots anwirft. So freue er sich etwa als einziger Berufsfischer am See durchaus darüber, dass es hier so viele Reinanken gebe, weil die ein begehrter Speisefisch seien, sein Brotfisch sozusagen. Als Ökologe indessen müsse er es eher bedauern, weil die Reinanke hier gar nicht heimisch sei.

„Vor hundert Jahren fanden sich im Weißensee gerade einmal sechs Fischarten, heute sind es zwanzig“, sagt er und stößt das Boot vom Steg ab. Das wiederum liege daran, dass man in früheren Zeiten Fische ausgesetzt habe, um den Bestand zu sichern. Wodurch ein Ungleich-gewicht entstanden sei, manche Fischarten ausstarben, andere Überhand gewannen. Von den ursprünglich sechs Arten gebe es heute nur noch drei, nämlich Schleie, Rotauge und Eitel. Ausgestorben indessen seien Gründling, Elritze und Seeforelle.

Die Fahrt geht Richtung Osten, dorthin, wo der farbenprächtige See noch komplett unbebaut ist. An den Ufern ragen dicht nadelbewaldete Steilhänge empor. Die Farbe des Wassers schwankt zwischen tiefem Grün und hell leuchtendem Türkis. Diese Kombination ergibt ein leicht surreales Bild, wie eine Mischung aus kanadischem See und karibischer Bucht. „Es sind die weißen Kalkablagerungen, die dem See die Farbe und den Namen geben“, erklärt Müller. In dem glasklaren Wasser rund ums Boot tummeln sich gut sichtbar etliche Fische. Für den Fischer ist es kein Problem, sie zu benennen: Karpfen, Amur, Barsch und Seeforelle, Saibling, Hecht und Reinanke – er kennt sie alle.

„Etwas Nachhaltigeres als die verantwortungsvolle Netzfischerei gibt es nicht“, beteuert Müller, „die Fische leben artgerecht im See, und wenn sie die richtige Größe erreicht haben, werden sie so gefischt, dass ihr Bestand nicht gefährdet wird.“ Allerdings sei die Produktion mehr als bescheiden. Die ständig steigende Nachfrage nach heimischem Süßwasserfisch könne damit jedenfalls unmöglich befriedigt werden. Was ja auch der Grund war, warum er bislang zusätzlich die Fischzucht betrieb. 

„Als ich 2005 den Fischerei-Betrieb aufbaute, dachte ich, ich würde so zwei bis drei Tonnen Fisch aus dem See holen und dazu weitere zwei bis drei Tonnen züchten, um mein Auskommen zu finden. Aber in letzter Zeit waren es insgesamt zwanzig Tonnen, die ich brauchte, um die starke Nachfrage zu decken“, erklärt Müller.

Doch das mit der Zucht sei ihm inzwischen zuwider. „Als Fischzüchter hat man die Wahl zwischen ökologischem Wahnsinn oder Tierquälerei“, sagt er und betont zugleich, dass das sehr überspitzt ausgedrückt sei. Doch als „biologisch“ könne man eine Aufzucht von fleischfressenden Fischen schon wegen des Futters nicht bezeichnen.

„Um ein Kilo Forelle zu züchten, muss man zwei bis drei Kilogramm Wildfisch verfüttern, das Ganze ist also schon vom Prinzip her mehr als fragwürdig und eben nicht nachhaltig, auch wenn der Fischanteil im Futter in den letzten Jahren durchaus verringert werden konnte. Vor einigen Jahren war das Verhältnis nämlich noch fünf bis acht Kilogramm für ein Kilo“, fügt er hinzu.

Da helfe es auch nichts, dass immer wieder beteuert werde, dass es sich beim Futter um Beifang oder um Abfälle handle. Zumindest in der konventionellen Zucht würden Unmengen an Fischfutter verarbeitet, hinter dessen Erzeugung eine mächtige Industrie stehe, die keinesfalls nur mit Abfällen oder Beifang arbeite. „Außerdem ist der Begriff Beifang sowieso etwas missverständlich, weil darunter ja durchaus auch Fische fallen können, die anderen Meeresbewohnern als wertvolle Nahrung dienen“, so Müller.

Zudem enthalte konventionelles Futter in der Regel Ethoxyquin, einen Zusatzstoff, der es vor Oxidation schützt. Und von dem man annimmt, dass er krebserregend sei.

Darum könne man für biologischen Zuchtfisch auch nicht den Abfall von konventionellem Zuchtfisch hernehmen, weil der naturgemäß ebenfalls Ethoxyquin enthalte. Folglich müssten biologisch arbeitende Fischzüchter auf Abfälle von Wildfisch zurückgreifen. „Das Problem dabei ist aber auch, dass man aus Abfällen nur qualitativ minderwertiges Futter erzeugen kann, weil ja die besten Teile schon weg sind und das, was übrig bleibt, nur Haut und Gräten sind, die nicht dieselben Nahrungsqualitäten haben“, sagt Müller.

So sei es auch extrem kompliziert, Zuchtfischen ausschließlich Biofutter zu verabreichen, weil es die nötigen Nährstoffe in zu geringem Ausmaß enthalte und die Tiere dadurch viel langsamer wachsen würden und auch anfälliger für Krankheiten seien.

Und schließlich sei da noch die Haltung der Tiere. „Selbst wenn in der biologischen Zucht die Becken weniger dicht besetzt sind und die Fische verhältnismäßig viel Platz haben, kann von einer artgerechten Haltung keine Rede sein. Zumindest nicht im Fall der Forelle, die in freier Natur alleine unterwegs ist“, sagt der Ökologe.

Doch natürlich sei es immer noch besser, auf biologischen Fisch zurückzugreifen als auf so manches Produkt, das aus den konventionellen und industriellen Zuchtanlagen etwa in Chile oder Südostasien komme, wo die Verabreichung von chemischen Stoffen und Antibiotika alles andere als geregelt und kon­trolliert werde. „Doch die Tatsache allein, dass die anderen noch schlechter arbeiten, kann ja wohl nicht ausreichen, um einfach weiterzumachen“, findet Müller.

All diese Probleme betreffen freilich nicht nur Süßwasserfisch, sondern auch deren Artgenossen aus dem Salzwasser, wie etwa die beliebten Sorten Goldbrasse oder Wolfsbarsch. Doch was könnte die Alternative sein, wenn die Gewässer überfischt sind, die konventionelle Zucht ein ökologisches Desaster darstellt und die biologische eine Form von Tierquälerei? Und wenn die Netzfischerei, wie er sie betreibt, keinesfalls die wachsende Nachfrage befriedigen kann? Wird man auf Fisch zukünftig ganz verzichten müssen?

„Natürlich muss man sich damit abfinden, dass ein wirklich guter Fisch eben einen Haufen Geld kostet. Das ist ja bei Fleisch von Landtieren auch nicht anders. Wer ein hochqualitatives Produkt haben möchte, muss eben ordentlich dafür bezahlen. Das ist ja auch in Ordnung so“, so Müllers Antwort.

Außerdem gebe es auch noch Friedfische, also Pflanzenfresser wie den Karpfen, die in Teichen heranwachsen und bei richtiger Aufzucht wahre Delikatessen seien. „Der Karpfen ist der nachhaltigste Speisefisch schlechthin. Zwar hat er gegen etliche Vorurteile zu kämpfen, aber in den besten Fällen kann ein frischer Karpfen durchaus Sushi-Qualität haben, nur wissen das leider die Wenigsten“, bedauert er.

Außerdem bestehe durchaus Hoffnung für die Zukunft. Etwa in Form von Verbesserung des Futters und der Verwendung von tierischem Eiweiß aus Insekten. „Da tut sich einiges, und ich bin mir sicher, dass es in ein paar Jahren genug ausgereift sein wird, um es verantwortungsvoll einzusetzen“, hofft Müller.

Ob er dann wieder zur Speisefischzucht zurückkehren wird, will er nicht ausschließen. Doch einstweilen habe er etwas anderes vor, sagt er, während die beschauliche Bootsfahrt zu Ende geht und er wieder Richtung Ufer steuert. Dort hält er in Becken Seeforellen, einige davon prachtvolle Exemplare. Ihnen streift er die Eier ab, zieht daraus die Jungfische groß und setzt diese im See aus.

„Das wäre natürlich wunderbar, wenn es gelänge, die Seeforelle wieder in bedeutendem Ausmaß nachzuzüchten und den Bestand zu sichern“, sagt Müller. Bis man sie aber fangen und essen kann, wird wohl noch einige Zeit vergehen.

Inzwischen wird er die Fische, die er mit dem Netz fängt, auch weiterhin verkaufen. Allerdings nur mehr in seinem Geschäft am See. Und nicht mehr per Versand in ganz Österreich. Sowie an einige lokale Wirte, wie etwa an seinen Freund Hannes Müller vom Restaurant Forelle, der sich mit seinem Namensvetter solidarisch zeigt.

„Der Zuchtfisch war für uns immer ein wenig ein Stiefkind, weil er nicht ganz zu unserer Philosophie über die Qualität und Nachhaltigkeit der Zutaten passt, aber die Leute kommen natürlich her, um Fisch zu essen, das bringt uns etwas in die Bredouille“, sagt der Wirt, der seine Fische außer vom Weißensee auch vom Millstätter See bezieht. Vor allem der Winter, wenn keine Fische gefangen werden, könne ihn vor Probleme stellen, fügt er hinzu, versuchen wolle er aber trotzdem, sukzessive auf Zuchtfisch zu verzichten.

Wer also in Zukunft echten, netzgefangenen Weißensee-Fisch will, muss schon an den prachtvollen See in den Gailtaler Alpen reisen. Dort kann er dann auch an einer der Angeltouren teilnehmen, die Martin Müller neuerdings anbietet. Und bei denen man in Begleitung des Fischers und Fischökologen auf den See fährt, um seinen eigenen Fisch zu angeln und anschließend zuzubereiten. Mit Sicherheit ein einzigartiges Erlebnis. Und der zweifellos nachhaltigste, befriedigendste und größtmögliche Fischgenuss von allen.

Martin Müller
Neusach 106, 9762 Weißensee
Tel.: 0676/501 36 74
www.weissenseefisch.at

Genießerhotel Die Forelle
Techendorf 80
9762 Weißensee
www.forellemueller.at