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Fluchtachterl: Reifeprüfung und Denkleistung


Da wir uns nicht nur für die Welt an sich, sondern auch noch speziell für die Welt des Trinkens interessieren, kamen wir in letzter Zeit nicht umhin, verschiedene dort angesiedelte Meldungen zu bemerken.


Text von Florian Scheuba & Thomas Maurer

Dass maßvolle Weintrinker länger leben, wird ja seit Jahrzehnten ebenso oft gemeldet wie dementiert. Dass man vom Weintrinken klüger wird, war uns neu.

Aber: Dr. Gordon Shepherd von der medizinischen Fakultät der Universität Yale behauptet in seinem Buch Neuroenology: How the Brain Creates The Taste of Wine, dass unser Gehirn mehr vom Weintrinken als vom Lösen von Mathe-Rätseln profitiert.

Aus eigenem Erleben können wir dazu bestätigen, dass uns beiden Weintrinken deutlich mehr liegt als Mathe-Rätsel zu lösen, was einem allerdings einen Dreck hilft, weil man ja, wenn man dem eigenen Kind bei der Mathe-Hausübung helfen soll, diesem nicht ersatzhalber ein Achtel vom Guten verordnen kann.
Und dass Alkoholgenuss die Kalibrierung des sexuellen Orientierungsapparats in Richtung des eigenen Geschlechts abfälschen kann, hat zwar der Autor Max Goldt schon vor Jahrzehnten als das Phänomen der „Fünf-Bier-Homosexualität“ beschrieben, mittlerweile springt ihm aber auch die Wissenschaft bei: Das Journal Of Social Psychology berichtete über eine Studie, die ergab, dass Männer – Frauen scheinen ihren Präferenzen quer durch die Promilleskala treu zu bleiben – je betrunkener desto schwuler zu werden scheinen.

Aus eigenem Erleben können wir dazu, obwohl das jetzt ein bissl fad und womöglich sogar schade ist, gar nix bestätigen.

Vielleicht haben wir, obwohl uns das wundern würde, bisher immer zu maßvoll getrunken, um diese Phänomene am eigenen Leib zu erleben.

Immerhin könnten wir der Wissenschaft wertvolle Hinweise für weitere Studienfelder geben, etwa „Soll man nach mehreren Schweizerhaus-Bieren noch Hochschaubahn fahren?“ (Antwort: Nein) oder „Wird man selbst in dem Ausmaß attraktiver, in dem man sich sein Gegenüber schön säuft?“ (Antwort: Nein). Und, ganz wichtig: „Wird insbesondere österreichischer Weißwein viel zu jung getrunken?“ (Antwort: Ja. Aber lassen Sie uns da ein wenig weiter ausholen.)

Ein von den wissenschaftlichen Disziplinen Soziologie, Theologie, Önologie und Philosophie noch nicht vollständig ausgeleuchtetes Phänomen ist der „Weinpfarrer“ Hans Denk. War er lange Jahre ein sowohl medial als auch auf mittlere Distanzen persönlich unübersehbares Wahrzeichen der heimischen Weinkultur, so ist es, nachdem ein Sturz im Bad diesen Turm von Mann in Rente und Rollstuhl gezwungen hat, ein wenig stiller um ihn geworden.

Umso lieber haben wir uns von ihm zu einer zu seinen Ehren vom Kamptaler Weingut Retzl veranstalteten Verkostung gereifter Heiligenstein-Weine einladen lassen. Unsere Freude ist noch einmal gestiegen, als sich herausstellte, dass es sich dabei um 24 Weine aus dem Zeitraum 2010 bis 1903 handelte. Und in die gesteigerte Freude mischte sich zunehmend Bewunderung, zum einen für die Verkostungskoryphäe Hans Denk („Das müsst, wenn ich mich richtig erinner’, hab ich den schon einmal getrunken, der 1958er sein, der wird immer unterschätzt, weil halt 59 so groß war …“) und zum anderen für die Weine selbst. Da zeigten sich nämlich nicht nur junge Springinsfelde wie der erwähnte 58er Sauvignon blanc, sondern auch würdige Senioren wie der 1923er Riesling in verblüffender, ­ansteckender Festlaune. Und dass dann tatsächlich noch der Riesling von 1903 sich abschließend als bester Wein des Tages herausstellte, war beinahe schon überpointiert.

Der Wissenschaft können wir darüber hinaus mitteilen:
1. Auch von sehr guten, sehr alten Weinen wird man bei hinreichender Konsumation sehr betrunken.
2. Im Verlauf der Verkostung ist unsere Zuneigung zu Hans Denk signifikant gestiegen, allerdings ohne wahrnehmbares sexuelles Unterfutter, und auch wir beide waren uns diesbezüglich weiter wurscht.
3. Der Heiligenstein ist ein Wahnsinn. Danke, Erwin Retzl.
4. Trotz intensiver Beschäftigung mit diesen Weinen können wir ein substanzielles Klügerwerden für unsere Personen subjektiv ausschließen, davon abgesehen, dass wir jetzt wissen, wie lang österreichische Weiße halten können. Immerhin.