Noch nie gesehen
Eindrücke aus der Basilikata, Italiens Provinz am Ionischen Meer, samt Höhlen, Salumi und einer Zornnatter.
TEXT VON CHRISTIAN SEILER
ILLUSTRATION VON MARKUS ROOST
Ich war noch nie in so einer Stadt. Matera ist eine Ansammlung von Höhlen, von Formen, von Steinen, Schluchten, Abbrüchen, Ebenen, Stiegen und Wegen, deren Windungen jedweder Logik entbehren. Die Anfänge dieser Stadt in der italienischen Provinz Basilikata sind nicht dokumentiert. Sie liegen so weit zurück, dass es noch keine Schrift gab. Matera ist „älter als alt“, schrieb Thomas Steinfeld, „an ihren Bauten versagen die Epochenbegriffe. (…) Natur und Bau verschmelzen wie in einem Wespennest oder in einer Muschelkolonie“.
Sprachlos stehe ich auf der Piazza Giovanni Pascoli, unter der die Sassi, die hellgelben „Steine“ Materas, abbrechen und sich in besagtes Wespennest verwandeln, und natürlich erfasst mich der Impuls, sofort loszurennen und die Waben selbst zu erkunden. Aber gleichzeitig denke ich mir, vielleicht sollte ich das besser nicht mit leerem Magen tun, man weiß ja nie, und weil ich nicht auf der Nudelsuppe dahergeschwommen bin, habe ich längst ausgekundschaftet, dass es in der Latteria Rizzi, einer ehemaligen Milchhandlung an der Via Emanuele Duni, etwas Anständiges zu essen geben soll.
Das Angebot könnte verführerischer nicht sein. Es gibt einen Teller mit verschiedenen Salamisorten und Schafkäse, eine Crapiata Materana, eine fantastische Suppe aus Saubohnen, Erbsen, Kichererbsen, Linsen, weißen Bohnen, Hartweizen und Dinkel, Karotten, Zwiebeln, Knoblauch und Kartoffeln, und wenn Sie glauben, dass ich nachher keine Salsiccia mit dem erstaunlichen Püree von schwarzen Kichererbsen mehr essen konnte, kennen Sie mich schlecht. Auch hatte ich nichts dagegen, ein Glas vom heimischen Primitivo Mons Albius zu probieren, der kellerkühl serviert wurde und das kräftige Essen angenehm begleitete.
Ich will jetzt keine Diskussion über Weinpreise vom Zaun brechen, aber ein bisschen melancholisch werde ich schon, wenn ich Weinkarten betrachte, auf denen der billigste Wein – besagter Primitivo – neun Euro kostet (die Flasche, nicht das Glas) und der teuerste 36.
Es wäre ein durch und durch erfreulicher Moment in der Latteria gewesen, hätte nicht eine Frau, deren amerikanische Herkunft nicht zu überhören war, vor ihrer durchgängig schweigenden Tischgenossin die Höhen und Tiefen ihres Beziehungslebens ausgebreitet, und zwar in einer Lautstärke, für die man sie in Wien ohne Umschweife bei nächster Gelegenheit aus der U6 entfernt hätte. Tourismus ist gut, dachte ich mir, denn er hat mich hierher gebracht. Aber Tourismus ist auch schlecht, raten Sie, warum.
So stieg ich dann in die Sassi hinunter, es war ein psychedelisches Erlebnis. Ich besuchte Kirchen, blickte in Schluchten, wanderte durch Höhlen, wo mir gezeigt wurde, wie Menschen hier gelebt haben, rutschte auf monumentalen Steinen, die von den Füßen zahlloser Menschen, die sie beschritten haben, glatt poliert waren, und natürlich stieß ich auf erstaunliche Verwandlungen, die hier vorgenommen worden waren: Hotels mit livrierten Pagen, wo früher Familien mit ihren Tieren im Berg gelebt hatten, Zimmer mit Ausblick, Schenken, die einen winzigen Vorsprung aus Stein in ein reizendes Gärtchen verwandelt haben, ein Tisch, zwei Stühle, sollte ich hier etwa keinen Crodino trinken?
Auf anderen Terrassen standen Wäscheständer. Die Kabel, die zur Straßenbeleuchtung führten, waren außen am Stein befestigt. Auf den Dächern wucherten Antennen wie aus den Fünfzigerjahren und zum Glück keine Satellitenschüsseln.
Ein bisschen auf und ab gehen, dabei nicht mehr genau wissen, ob die Schatten, denen man folgt, aus der Steinzeit stammen oder aus den Fünfzigerjahren oder von jetzt gerade, was gut wäre, damit sie mich gerade jetzt kühlen können, denn die Sonne heizt Matera auf wie Schamott.
So stieg ich hinunter auf den Boden des Tals, über das Matera hinausragt, und kletterte auf der anderen Seite wieder hinauf, zum Convento di Sant’Agostini, dort, wo sich barocke Schönheit, aber auch touristischer Zauber zu Prunk, Krach, Gelächter und prickelnden Getränken verbinden, wie immer in Italien.
Mein Quartier befand sich im Valle Rita, vielleicht 15 Kilometer vom Ionischen Meer entfernt und 30 Kilometer von Matera. Die große Landwirtschaft ist nach wie vor in Betrieb, was dafür sorgt, dass in der hauseigenen Trattoria wundervolles frisches Gemüse verkocht wird. Gegessen wird meistens im Garten unter ausladenden
Bougainvilleen, was ich schade finde, weil der Speisesaal einer der schönsten seiner Art ist.
Beige und ocker gekachelter Boden, weiß gedeckte Tische, unverputztes Gewölbe, und weil der Koch ein bisschen ehrgeizig ist, gibt es hin-gebungsvoll gedämpften Tintenfisch, der wie
Tagliatelle in Streifen geschnitten ist, auf einem köstlichen, leicht angesüßten Erbsenpüree. Aber ich greife vor.
„Du wohnst in der Villa Angelino“, sagte mir der lächelnde Mann an der Rezeption. „Du hast Glück, unser beliebtestes Haus.“
„Soll ich das Auto gleich hier stehen lassen?“, fragte ich, woraufhin der Typ noch ein bisschen breiter lächelte.
„Lieber nicht. Die Villa ist ungefähr einen Kilometer von hier entfernt. Du nimmst lieber das Auto.“
„Einen Kilometer?“
„Ja, in einem Zitronenhain. Du wirst es lieben.“
„Muss ich auf etwas achten?“
„Hier ist der Schlüssel.“
Die Villa Angelino war tatsächlich hübsch, wenn auch weiter als einen Kilometer vom Haupthaus entfernt, man könnte fast sagen: einsam, von Oliven umgeben, von Zitronen überwachsen, mit einem eigenen, frei stehenden Brotofen versehen, falls ich mir zum Abendessen eine Pizza machen wollte, und ich fühlte mich sofort wohl, mit der kleinen Einschränkung, dass ich die schwarze Schlange nicht einzuschätzen wusste, die sich auf der Terrasse sonnte. Ich rief meinen Mann im Haupthaus an.
„Eine Zornnatter“, sagte er, „völlig harmlos. Außer natürlich, man reizt sie. Dann wird sie zornig, und beißen lassen solltest du dich nicht.“
Ich hörte ihn lächeln.
„Bist du zum Abendessen bei uns?“
„Ja“, antwortete ich.
„Geh nicht zu Fuß“, sagte mein Mann, „wenn es dunkel ist, sind die Stachelschweine unterwegs.“
Um es abzukürzen: Ich ging zu Fuß. Ich sah kein Stachelschwein, nur ein paar abgeworfene Stacheln. Die Zornnatter kehrte auch nicht wieder, sodass ich die Villa Angelina in vollen Zügen genießen konnte. Vor allem der Rückweg vom Restaurant war jeweils ein Vergnügen. Erstens ging es sanft bergab, und zweitens hatte mich der venezianische Kellner mit speziellen Fundstücken aus der Cantina verwöhnt, sodass ich meine Expertise in kühlen italienischen Rotweinen, von Foradori bis Occhipinti, aufpolieren konnte.
Ich machte Ausflüge zum Meer. Ich machte Ausflüge in die Hügel. Ich verliebte mich in das Städtchen Ginosa, oder sollte ich sagen: in die Piazza Plebiscito, die von zwei Cafés eingefasst und bespielt wird, sodass das halbe Dorf am einen Ort seinen Aperitif nimmt, um dann zum anderen zu wandern und weiterzutrinken – und natürlich umgekehrt, sonst wären hier und dort keine Plätze frei. Von der Dachterrasse des einen Cafés sieht man, wenn der Dunst es erlaubt, hinunter aufs Meer. Aus den Niederungen des anderen Cafés blickt man direkt in die Chiesa Santa Maria delle Grazie, wo manche Menschen vor und manche nach dem Aperitif ihr Knie beugen, was auch immer das bedeuten mag.
Als ich zum dritten Mal auf der Piazza Plebiscito auftauchte, fragte mich der Wirt, ob ich eigentlich wisse, dass in Ginosa die besten Metzger der ganzen Provinz zu Hause seien.
„Franco weiß, wie man Fleisch macht“, sagte er, „und er weiß, wie man Geld damit macht.“ Er lächelte jetzt wie mein Mann im Borgo Valle Rita.
Ob die beiden verwandt waren? Brüder im Lächeln?
„Vito weiß, wie man Fleisch macht.“
Bedeutungsvolle Pause.
Natürlich besuchte ich Franco Dragone und Vito Ribecco an den kommenden Abenden. Dass Franco sich darauf versteht, seine Profession zu Geld zu machen, kann an der Ausstattung seines Restaurants abgelesen werden. Es sieht so aus, als hätte das Briefing an den Architekten gelautet: „Bau was Teures, und zwar so, dass sogar die Trotteln von Gegenüber erkennen, dass es teuer ist.“
Ich konnte an einen Tisch auf der Straße ausweichen und verzehrte dort ein fantastisches Carpaccio, das nur mit Olivenöl und Rucolablättern gewürzt war, die richtige Temperatur und Konsistenz hatte und augenblicklich erklärte, warum Francos Hütte nach Einbruch der Dunkelheit zum Bersten voll war. Weitere Stichproben umfassten die flauschigsten Polpette meines Lebens und gegrillte Kutteln, an die man noch lange zurückdenkt.
Bei Vito gab es Ripperl, die so zart waren, dass man das Fleisch vom Knochen hauchen konnte, und die Bistecca Fiorentina hatte in jeder Hinsicht Format. Wenn Sie mich jetzt fragen, wohin ich Freunde schicken würde: zuerst zu Franco, auf zwei Polpette, vielleicht drei. Dann zu Vito, auf eine Bistecca Fiorentina.
In Altamura stieß ich auf ein Wirtshaus, das einmal mehr den Beweis erbrachte, dass gute italienische Osterien nicht schön sein müssen. Es hieß Origini Vino e Cucina und sah von außen aus wie eine Spielhalle oder Schlimmeres. Dort verzehrte ich die vielleicht beste Parmigiana diMelanzane meines Lebens: Sie war klein und zart und lauwarm und fruchtig, und ich war der glücklichste Mensch auf der Welt, obwohl ich am Katzentisch saß, während der Rest der Osteria von einer riesigen Geburtstagsgesellschaft besetzt war, die offenbar ein ganzes Menü bestellt hatte. Das kriegte ich auch, jedenfalls, wenn ich die Hand hob und sagte „piu per favore“, bitte mehr. Cicchetti mit Ricotta und Tomatenmarmelade. Salumi. Gefüllte Zucchiniblüten. Orechiette mit Fava-Creme und Prosciutto. Jede Menge Süßes, am besten die Cannoli. Kaffee. Grappa. Noch einen Kaffee.
Hinreißend. Ich vergaß darüber sogar die Zornnatter, die zu Hause auf mich wartete.
Aber in so einer Stadt war ich noch nie. Ich war noch nie in einer Stadt, deren historisches Zentrum, das Centro storico, so verwüstet, so hingeschmissen, so aufgegeben war. Stellen Sie sich haushohe Fassaden vor, gestützt von provisorisch aufgebauten Keilen, die Fenster ausgebaut und durch aufeinandergeschichtete Ziegel ersetzt. Stellen Sie sich Häuser vor, in deren Räume man hineinsehen kann wie in ein Puppenhaus, Balkone ohne Geländer, abgebaute oder eingestürzte Dächer, also Blick nach ganz oben. Die Altstadt von Tarent, auf einer kleinen Insel zwischen den Hafenanlagen und der Neustadt namens Magna Graecia gelegen, ist ein Zustand, ein Trümmerhaufen – aber eben auch ein Versprechen.
Denn zwischen den Ruinen wächst neues Leben. Dort, wo die Straße vom Festland ankommt, sind die Häuser längst wieder verputzt und revitalisiert. Cafés und Trattorien haben aufgesperrt, und vom Ristò dei Fratelli Pesce – ja, die Fischbrüder heißen tatsächlich so – erzählt man sich Wunderdinge bis weit über Tarent hinaus, weshalb wäre ich sonst hier?
Ich sitze also draußen auf der Straße, am Gastgarten vorbei zwängen sich fette Autos, die im nahen Jachtclub geparkt hatten und jetzt irgendwohin müssen, und trinke erst einmal ein Glas eiskalten Bombino bianco, während ich darüber nachdenke, ob ich Seeigel, den Teller mit den rohen Meeresfrüchten oder beides zur Vorspeise essen werde.
Tarent ist, wenn man die Stadt folkloristisch erklären möchte, die „Stadt der zwei Meere“, denn ihre Lage ist privilegiert. Von griechischen Siedlern gegründet, liegt Tarent am Ionischen Meer und einem ins Landesinnere lappenden Binnenmeer. Die Isola del Borgo Antico, wo ich mir gerade das zweite Glas Weißwein kommen lasse, beherbergt den ursprünglichen Kern der Stadt, inklusive des Castellos Aragonese, einer wuchtigen Befestigungsanlage.
Was aber ist mit dem Zentrum dieser Stadt passiert, dass es jetzt langsam, Schritt für Schritt, revitalisiert werden muss? Warum kann man – „Case a un euro“ – hier ganze Häuser für einen Euro kaufen, wenn man sich verpflichtet, sie zu renovieren? Noch immer leidet Tarent
an den Folgen eines beispiellosen Umweltskandals, einer direkten Folge der Industrialisierung des Mezzogiorno in den Sechzigerjahren.
Damals entstand hier auf einer Fläche von fünfzehn Quadratkilometern das größte Stahlwerk Europas, und es produzierte neben Unmengen vonStahl auch so viele Umweltgifte, dass die Atemwegserkrankungen unter den Bewohnerinnen und Bewohnern von Tarent um 50 Prozent höher waren als sonstwo im Land, was auch für die Krebsrate galt. Inzwischen sind die Produktions- und Lageranlagen des Stahlwerks unter gigantischen Dächern verschwunden, die dafür sorgen, dass der Wind keine Schadstoffe mehr in die Stadt wehen kann, aber der Schaden ist angerichtet. Das entvölkerte Centro storico besinnt sich nur langsam seiner wilden Schönheit. Enge Gassen sind wieder von Girlanden und Leuchtketten geschmückt. Auf einer Tafel steht mit Kreide geschrieben: „Per realizzare grandi cose, non dobbiamo agire ma anche sognare“. Um große Dinge zu erreichen, müssen wir nicht nur handeln, sondern auch träumen.
Ich habe mich also für den Seeigel und die rohen Meeresfrüchte entschieden, dazu bekomme ich eine köstlich abgeschmeckte Mischung aus Tomaten, Zucchini, Olivenöl und Weißbrot, und weil ich so schön schaue, auch gleich noch zwei Arancini, gefüllt mit Reis und Käse, dazu geschmorte Zucchini, die unspektakulär aussehen, aber von einem tiefen, herzergreifenden Geschmack sind (ich rede von Zucchini!).
Vor dem Hauptgericht schiebe ich noch einen lauwarmen Salat vom Pulpo mit Erdäpfeln und Minze ein, bevor ich die Mahlzeit mit ein paar frittierten Zucchiniblüten beende.
„Keine Dolce mehr?“, fragen die Fischbrüder besorgt, aber ich belasse es bei zwei Espressi, die so stark sind, dass sie Bären aus dem Winterschlaf holen können, und das finde ich angesichts der zu erweckenden Umgebung auch angemessen.
Um große Dinge zu erreichen, müssen wir nicht nur handeln, sondern auch träumen. —

„Matera ist älter als alt, an ihren Bauten versagen die Epochenbegriffe. Natur und Bau verschmelzen wie in einem Wespennest oder in einer Muschelkolonie.”

„Um große Dinge zu erreichen, müssen wir nicht nur handeln, sondern auch träumen.”







Adressen
Latteria Rizzi
la-latteria.menustic.com
Origini Vino e Cucina
facebook.com/originivino
Franco Dragone
facebook.com/MacelleriaDragoneFrancesco/?locale=de_DE
Vito Ribecco
macelleriaribecco.it
Ristò dei Fratelli Pesce
fratellipesceristo.it/fratelli-pesce-risto

