Gesamtkunstwerk Grüner Veltliner

Die stilistische Vielfalt und der Ausdruck des Terroirs machen die Nummer eins unter den heimischen Rebsorten so unvergleichlich.

Bernhard Ott
Bernhard Ott


Text & Verkostung: Willi Balanjuk

Die diesjährige Grüner-Veltliner-Grand-Cru-Verkostung macht ein weiteres Mal die gesamte Bandbreite dieser Rebsorte sichtbar. Die Jahrgänge 2024, 2023, 2022 und 2021 sind aktuell auf dem Markt und in der Gastronomie verfügbar. Die Qualität des aktuellen Jahrgangs 2024 – mit all seinen Herausforderungen – ist ein Beweis für die schnelle Lernkurve und hohe Flexibilität der heimischen Winzer. Man hat aus den letzten Jahrgängen mit frühen und späten, mit trockenen und regenreichen, mit pflanzenschutztechnisch einfachen und sehr komplizierten Jahren gelernt. Doch 2024 war fordernd aufgrund eines neues Phänomens: Die Endreifung der Beeren erbrachte eine noch nie da gewesene Zuckerzunahme. Nach den Niederschlägen im September waren daher die Schlagkraft der Lesemannschaften und die Schnelligkeit bei der Ernte entscheidend.
Der 2023er war punkto Lese eher unproblematisch. Der 2022er gilt nach wie vor als Geheimtipp – einige Winzer sind überzeugt, dass der Jahrgang gleich gut oder sogar besser als der 2021er ist. Ich freue mich schon auf die zukünftige Herausforderung, beide Jahrgänge in ihrer Entwicklung zu vergleichen.

A la Carte hat diese Grand-Cru-Verkostung in fünf Kategorien ausgeschrieben, es wurden rund 460 Weine verkostet.

In der Kategorie Grüner Veltliner 2024 klassisch gab es erwartungsgemäß die meisten Einreichungen. Die Weine präsentieren sich mehrheitlich in guter Qualität, ihr Stil wirkt einladend fruchtig; leicht kandierte Aromen, balanciertes Frucht-Säure-Spiel und animierender Trinkfluss. Die Mehrheit der Weine ist bereits jetzt gut antrinkbar und wird sich am besten in den kommenden zwei bis drei Jahren trinken lassen. Die höchst bewerteten Weine kommen aus allen Weinbauregionen Niederösterreichs. Mit dem Grünen Veltliner des Weinguts Esterházy konnte sich auch ein Wein vom Leithagebirge im Spitzenfeld etablieren. 

In der Kategorie Grüner Veltliner 2024 gehaltvoll & Reserve waren auch Fassproben erlaubt, da viele Spitzenweine des Jahrgangs noch nicht in Verkehr gebracht wurden – der Ausbau im Fass wird sie mehrheitlich verbessern. Unter den Besten die Usual Suspects aus der Wachau, dem Krems- und dem Traisental.

In der Kategorie Grüner Veltliner 2023 klassisch macht sich ein klarer Trend zu hochwertigen Weinen mit etwas weniger Alkohol und damit lebendigerem Frucht-Säure-Spiel bemerkbar. Voraussetzung für diese Weinstilistik sind natürlich auch die entsprechenden „kühleren Lagen“.

Die Kategorie Grüner Veltliner 2023 gehaltvoll & Reserve war ein Heimspiel für Bernhard Ott. Mit seinem GV Ried Rosenberg, der Ried Spiegel und der Ried Stein hat er eine atemberaubende Serie eingereicht. Für Ott war der Jahrgang mit seinem für ihn idealen Vegetationsverlauf optimal, um den jeweiligen Lagencharakter herauszuarbeiten. Über 40 weitere Weine wurden mit 94 oder mehr Punkten bewertet – ein Jahrgang, der reichlich Genuss vermittelt. Die Weine wirken zugänglicher, als es die 2021er und 2022er in diesem Stadium waren. Wer diese Entwicklungsphase nicht versäumen möchte, sollte sich beeilen. Die besten Weine verfügen zudem über enormes Reifepotenzial.

Die Kategorie Grüner Veltliner 2022 & 2021 kann als Bestätigung der Vielfalt der Rebsorte angesehen werden. Immer mehr Winzer entscheiden individuell, wann sie ihre Weine auf den Markt bringen. Die Siegerweine – ein Mal 2022 und ein Mal 2021 – beeindrucken sowohl durch Tiefe als auch durch Komplexität.

Zusammenfassend unterstreicht der Grüne Veltliner seine Stärke, mit allen Herausforderungen der Vegetation umgehen zu können. Die 2024er präsentieren sich einladend, die Mehrheit der 2023er ist jetzt antrinkbar. Dennoch glaube ich, dass sich viele in den kommenden Jahren verschließen werden, wie das bei vielen 2022ern und 2021ern gerade passiert. –

Verkostet und bewertet wurden die eingereichten Weine vom Autor in Zalto-Universalgläsern. Im Anschluss wurden die besten Weine jeder Kategorie in einer Blindprobe von einer Fachjury bewertet.
Jurymitglieder sind Hans Martin Gesellmann (Kracher Fine Wine), Benjamin Mayr (Del Fabro-Kolarik), Dragos Pavelescu (Önologe), Johannes Tremmel (Weinhandel) und der Autor. 

Zu den Bewertungen:
Grüner Veltliner 2024 klassisch
Grüner Veltliner 2024 gehaltvoll & Reserve
Grüner Veltliner 2023 klassisch
Grüner Veltliner 2023 gehaltvoll & Reserve
Grüner Veltliner 2022 & 2021