Der Wein-Torero

Alvaro Palacios ist einer der Begründer der neuen spanischen Weinbewegung und ihr prominentester Vertreter. Er hat der vergessenen Weinregion Priorat neues Leben eingehaucht und ist mit seinem Kultwein L’Ermita zur Legende geworden. Inzwischen ist er Herr über drei Bodegas in verschiedenen Regionen Spaniens. Immer noch träumt er vom Zauber großer Weine.

Text von Christina Fieber


Voller Ehrfurcht betrachtet er das Weinglas, riecht kurz daran und nimmt dann einen großen Schluck. Ein verklärtes Lächeln macht sich im Gesicht des Winzers breit. Er nickt anerkennend.

Es handelt sich dabei jedoch nicht um irgendeinen Weinmacher und einen x-beliebigen Wein, sondern um Alvaro Palacios, einen der ganz Großen in Spanien und um „L’Ermita“, seine wohl berühmteste Schöpfung. Der Rotwein aus dem Priorat zählt zu den besten und teuersten Spaniens – hoch dekoriert und äußerst begehrt. Er hat auch schon einmal 100 Parker-Punkte eingeheimst. Seitdem ist er noch unerschwinglicher geworden. „Ermita bonita“, wie ihn Alvaro Palacios liebevoll nennt. Mit L’Ermita ist er im Wein-Elysium angekommen und zur Ikone der neuen spanischen Weinbewegung geworden. Der 2011er wird derzeit pro Flasche für 890 Euro gehandelt.

Die Erfolgsgeschichte des Winzers klingt wie ein Märchen, ein Bubentraum, der wahr geworden ist. Als eines von neun Kindern ist er im Rioja aufgewachsen, in einem Weingut naturgemäß. Neben Holzfässern und Traubenpressen habe er seine Schulaufgaben gemacht oder stattdessen die Tanks geputzt und bei der Ernte mitgeholfen, erzählt er stolz. „Alles, was ich kann, habe ich damals gelernt!“, glaubt er.

Sein Vater wollte, dass etwas aus ihm wird und so hat er ihn nach der Schule Önologie studieren lassen. Im Bordeaux, dem Wein-Mekka. Daneben praktiziert er bei keinem geringeren Gut als Château Pétrus. Der junge Winzersohn hat offensichtlich schon damals nichts dem Zufall überlassen. Im Bordeaux wurde er „entflammt“, wie er es nennt. Hier habe er begriffen, was wirklich große Weine ausmacht: alte anerkannte Lagen, den Respekt vor Tradition und den unbedingten Willen, das Beste aus den natürlichen Gegebenheiten herauszuholen. Als er zurück nach Spanien kam, hätte er einfach das Weingut seines Vaters übernehmen können – wollte er aber nicht. Er hat gewittert, dass er für Größeres bestimmt ist und dass sich das Rioja dafür wohl kaum eignet. Zu schlecht war der Ruf der einstigen Vorzeigeregion Spaniens. „Der Weinbau im Rioja war damals in den 1980er Jahren zur Industrie verkommen, das hat mich überhaupt nicht interessiert“, meint er lakonisch.

Alvaro Palacios hatte ehrgeizigere Pläne: Er reiste durch Spanien und suchte gezielt nach einem geeigneten Land, um seine Vision zu verwirklichen: große Weine zu machen, so wie er es bei Pétrus gesehen hat: „Dafür bin ich angetreten, ich wollte einen Kultwein schaffen, weil ich spürte, dass die Menschen darauf warten“, konstatiert er.

Im Priorat schließlich konnte er diesen Traum verwirklichen. Er war gerade einmal 25 Jahre, als er 1989 gemeinsam mit vier anderen verrückten Winzern Weinberge in einer Region erwarb, in der niemand mehr Weinbau betreiben wollte. Das Geld dafür verdiente er durch den Verkauf von Holzfässern. Das Priorat hatte alle Voraussetzungen für Weine, wie sie ihm vorschwebten: steile hochgelegene ­Terrassenlagen, karge Schieferböden und eine alte Weinbautradition der Mönche des Kartäuserordens, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Sie bewirtschafteten damals die besten Lagen und pflegten sie sorgsam. Nach der ­Reblauskatastrophe und der Vertreibung der Mönche verkam die Region und wurde vergessen – für die dort ansässigen Bauern war der Weinbau auf den felsigen Böden zu aufwendig und wenig ertragreich.

Die fünf jungen Winzer bauten die alten Weinberge nach dem Vorbild der Mönche wieder auf und weckten die Region aus ihrem Dornröschenschlaf. Palacios gilt heute als der berühmteste Ziehsohn des Priorats, ihr Aushängeschild und Held. Er wurde nicht müde, der Welt von ihrem Potenzial zu erzählen. Immer und immer wieder, bis sie ihm glaubten. Heute boomt das Priorat und die Weine zählen zu den teuersten in ganz Spanien.

Wenn Alvaro über seine Weinberge spricht, gerät er ins Schwärmen und wechselt dann vom Englischen ins Spanische. Seine Stimme wird melodischer und rauer, wie die eines weisen alten Mannes. Nur seine Augen blitzen spitzbübisch und die Worte rattern wie eine Gewehrsalve. Dann sagt er so Sätze wie: „Wirklich große Weine haben immer etwas Mystisches und Spirituelles und öffnen die Seele!“

Das klingt pathetisch und man ist nicht sicher, ob es seine tiefste Überzeugung ist oder ob er spürt, dass solche Aussagen wirken. Fest steht aber, dass sich Palacios wie ein Besessener mit dem Priorat auseinandersetzte. Anfangs experimentierte er noch mit Cabernet und Co, erkannte aber schnell, dass die lokalen Rotweinsorten wie Garnacha oder Carinena am besten mit den extremen Bedingungen des Priorats korrespondieren. Vor allem Garnacha kann der Hitze und Trockenheit der heißen katalanischen Sommer trotzen und erstaunlich frische und feingliedrige Weine hervorbringen. Er ist davon überzeugt, dass nur die Lage für die Qualität der Weine entscheidend ist. „Es geht einzig um den Boden, nicht um den Winzer, wir können nur versuchen, die Aromen aus den Weinbergen zu konservieren. Ich mag es nicht, wenn Weine nach Menschen riechen.“

Er setzt auf traditionelle Reberziehung, genauso wie einst die Mönche und stellt die Bewirtschaftung komplett auf Biodynamie um. Auch das sei eine Voraussetzung, um wirklich große Weine zu machen. „Nur aus einem lebendigen Boden und gesunden Rebstöcken kann etwas Einzigartiges entstehen“, ist er überzeugt. Inzwischen lässt er seine Terrassenlagen auch wieder wie früher mit Maultieren beackern.

Doch den umtriebigen Winzer zog es weiter: Er hat eine Schwäche für Regionen, an die niemand glaubt, und erstand gemeinsam mit seinem Neffen Ricardo Pérez Weinberge im weitgehend unbekannten Bierzo, im äußersten Nordwesten Spaniens. Es ist ein kühles und raues Gebiet, das vom Atlantik und den hohen Bergen geprägt ist. Auch dort baut er nur heimische Rebsorten an – vor allem der Mencia hat es ihm angetan.

Ricardo Pérez leitet inzwischen die Bodega Descendientes und betreibt konsequent biodynamischen Anbau.

„Er ist noch viel extremer als ich, ein fanatischer Anhänger von ­Rudolf Steiner, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen!“, lobt Palacios. Der Paradewein „La Faraona“ wächst auf 850 Meter hohen Weinbergen und kommt in Minimengen auf den Markt. In Spanien ist er längst heißbegehrter Stoff.

Als Alvaros Vater 2000 starb, kehrte er dann doch noch ins Rioja zurück. So nebenbei übernahm er dort das elterliche Weingut und mistete gleich einmal gründlich aus. Bis auf zwei Familien kündigte er alle Traubenlieferanten, stellte die eigenen Flächen auf bio um und setzte statt auf den üblichen Tempranillo vorwiegend auf Garnacha. Die Weine danken es mit Klarheit und vielschichtigen Aromen. „Im Rioja bin ich ein Außenseiter“, scherzt er, „das gefällt mir!“

Die Liebe seines Lebens bleibt aber das Priorat. Dort, wo sein kometenhafter Aufstieg begann. Er ist verrückt nach der archaischen Landschaft inmitten des Montsant-Gebirges, der Kargheit und dem extremen Klima, das die Bauern dort bis auf das Äußerste fordert. Die steilen Terrassenweinberge haben die Form eines Amphitheaters und erinnern ihn an eine Stierkampfarena. Wenn das Priorat seine große Liebe ist, dann ist der Stierkampf seine geheime Geliebte. Mit der „Corrida de Toros“ sei er aufgewachsen, immer wieder stand er selbst in der Arena, wenngleich nur als „Novillero“, der gegen Jungstiere kämpft und diese auch nicht tötet. „Toreros sind meine Helden, sie riskieren ihr Leben für eine Leidenschaft!“, schwärmt er.

Als er vom renommierten englischen Weinmagazin Decanter zum Winzer des Jahres ausgezeichnet wurde, nahm er am Vortag der Preisverleihung noch an einem Stierkampf teil. Als wäre ihm die Anerkennung der internationalen Weinwelt nicht genug – als müsste er sich auch noch vor der ­Naturgewalt des Bullen beweisen.

Vielleicht ist es das, was ihn auch am Priorat fesselt, diese ­permanente Gegenüberstellung mit einer übermächtigen Natur. Die Herausforderung, diesem widerspenstigen Land das Beste abzutrotzen: „Große Weine, die die Seele berühren“. Weine wie L’Ermita, „aus der schönsten Lage der Welt“, einem nach Nordosten ausgerichteten Steilhang mit bis zu hundert Jahre alten Rebstöcken. „Jedes Mal, wenn ich hier bin, zieht mich der Weinberg in seinen Bann, er hat etwas Heiliges!“

Tatsächlich steht auf der Spitze des Weinbergs eine alte ­Kapelle, die der Einzellage ihren Namen gab. Ein Schluck von L’Ermita lässt diese Bilder lebendig werden: der Geruch von Weihrauch, die Kühle im Inneren der Klostermauern, während draußen die glutheiße Luft des katalanischen Sommers schwirrt. „Ich liebe diese verrückten Mönche, die sich ständig mit ihren Weinen ­berauschten, dafür haben sie gelebt“, schwärmt er, „sie waren wie ich Qualitätsnarren!“

Immer wieder schenkt sich Alvaro eine Schluck Ermita nach. Dabei vergisst er völlig die Menschen um sich herum – murmelt nur andächtig auf Spanisch, so als würde er zu seinem Wein
beten.

Polígono 6, Parcela 26,
43737 Gratallops, Tarragona
Tel.: +34 977 83 99 48

Bodegas Palacios Remondo
Ctra de Zaragoza 8,
26540 Alfaro, La Rioja
Tel.: +34 941 18 02 07

Descendientes de José Palacios
Av. del Calvo Sotelo 6,
24500 Villafranca del Bierzo, León
Tel.: +34 987 54 08 21