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Keep Calm and Drink on

Es ist ja keine Neuigkeit, dass die Bewohner der Britischen Insel ein eher gemischtes Verhältnis zu jenem Teil der Welt unterhalten, den sie „den Kontinent“ nennen.

Text von Florian Scheuba & Thomas Maurer


Grafisch dargestellt wäre der Brexit nur ein besonders hoher Amplitudenausschlag dieser Ambivalenzkurve. Aus dieser nationalen Gemütsgrundierung erklärt sich vielleicht auch ein bizarres Phänomen, über das kürzlich in der Presse berichtet wurde: „Wie Briten spanische Hoteliers übers Ohr hauen.“

Nämlich so: Windige Agenten schleusen sich in Pauschalreisegruppen ein und überreden möglichst viele Mitreisende dazu, sich die Reisekosten durch ein Reklamieren von ernährungsbedingter Infektion des Verdauungstraktes zurückzuholen. Dank der englischen Konsumentenschutzgesetze müsste nun das Hotel beweisen, dass die Reklamation unberechtigt ist, was naturgemäß die meisten nicht einmal probieren. Dem vermeintlichen Brechdurchfallopfer hingegen reicht als Beleg ein Beleg, nämlich eine Rechnung über ein beliebiges rezeptfreies Anti-Brechreiz- oder Durchfallmittel. Die Forderung nach einer einschlägigen Rezeptpflicht ­exklusiv für Briten wurde bereits erhoben, und es wäre ein hübscher satirischer Einfall, britische Pauschalreisende zum Tragen von Chiparmbändern zu verpflichten, die dann belegen, ob der Urlaub kotzend, aber kostengünstig im Hotelzimmerklo oder doch zahlungspflichtig in der Stranddisco verbracht wurde – ­hätte nicht die Hoteliersvereinigung der Costa Blanca genau diese Forderung bereits im Ernst erhoben.

Die Schadenersatzleistung an die verpflichtende Einreichung von Brechproben zu koppeln, wäre nun naheliegend, aber vermutlich kontraproduktiv, ist doch das in allen unter britischer Besatzung stehenden Tourismusdestinationen zu beobachtende Erbrechen zuvor hastig konsumierter alkoholischer Flüssigkeiten integraler Bestandteil traditionsbewusster Britishness.

Es käme nicht überraschend, wäre es in nächster Zeit verstärkt Wein, der aus englischen Kehlen auf europäischen Boden ergossen wird. Denn jetzt schon steigen, wie wir orf.at entnehmen, in Erwartung des Brexits daheim auf der Insel die Weinpreise. Nach der EU-Scheidung werden sie das vermutlich verstärkt tun, die Prognosen liegen zwischen elf und 22 Prozent.

Kein Wunder also, dass das britische Weinfachmagazin Decanter seinen Lesern bereits geraten hat, in nächster Zeit noch ein paar europäische Weinbaugebiete in einem Auto mit sehr großem Kofferraum zu bereisen. Gute Idee, ­finden wir, zumal ja Lenker rechtsgesteuerter Fahrzeuge auf dem Kontinent auch noch den strategischen Vorteil ­haben, dass unaufmerksame Polizisten bei Alkoholkontrollen tendenziell den Beifahrer ins Röhrl blasen lassen.

Auf der Insel selbst boomt zwar, dem Klimawandel sei Dank, der Weinanbau, derzeit aber noch auf einer Fläche, die bei völliger Autarkie gerade einmal ein Schwipserl pro Jahr und Brite erlaubt. Logischerweise erwägt man, mit der EU-Mitgliedschaft auch gleich die Genehmigungspflicht für die Neuanlage von Weinbergen fallen zu lassen. Ein Ausweichen in nördlichere Destinationen könnte wohl dazu führen, dass Lehnworte aus traditionellen Weinbauländern ins englische Vokabular importiert werden müssen.

Beispielsweise könnte man das deutsche Plörre zu Plorrey anglifizieren, Österreich könnte als önologische Entwicklungshilfe den Begriff Glowdern spendieren, und die Weinwelt könnte sich auf Innovationen wie den schottischen Highland Hedgeclasher oder den exklusiven Château Buckingham freuen.

Wein wird auch eine wichtige Nebenfront bei den Brexit-Verhandlungen selbst sein. Dem Onlinemagazin wine.com entnehmen wir, dass die britischen Verhandlungsvertreter unter anderem auch die Aushändigung ihres Anteils am 42.000 Flaschen zählenden Alkoholvorrat der EU, bestehend aus Wein, Cognac und anderen Spirituosen, erstreiten wollen. Konkret geht es um bis zu „5.000 Flaschen Wein und 250 Flaschen Spirituosen“.

Der Scheidungskrieg wird also richtig schmutzig. Bleibt nur noch die Hoffnung, dass die britische Regierung es insgeheim mit ihrem Verhältnis zur EU ähnlich hält wie die britischen Brechdurchfalltouristen mit ihrem Reklamationsgebaren: Vielleicht tun die ja nur so, als würden sie auf uns scheißen.